The Humbling – Von der Performanz der Liebe

by on 08/31/2014

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© Millennium Films

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Beim diesjährigen Filmfestival von Venedig beginne ich ernsthaft am Arthauskino zu zweifeln. Erst ein repetitiver Auftakt mit Birdman, dem dritten Film im Festivalkalender nach Clouds of Sils Maria und Maps to the Stars, der sich kritisch mit der Schauspielerei und Starmaschinerie der modernen Welt auseinandersetzt, und dann The Humbling. Barry Levinsons Film, immerhin außer Konkurrenz, beginnt mit der exakt selben Szene wie Birdman: Der Held der Geschichte – ein Schauspieler, der vom Film ans Theater gewechselt ist – bereitet sich in seiner Garderobe auf einen Auftritt vor, wobei sich eine im Laufe des Films wachsende Psychose andeutet, die Realität und Vorstellung untrennbar miteinander verwebt. Und als wäre dies nicht genug der Parallelen, folgt auf diesen Moment der Reflektion in The Humbling eine Szene, die wir eins zu eins an anderer Stelle auch in Birdman finden: Verwirrt durch seine Identitätskrise findet der Schauspieler den Weg auf die Bühne nicht, sperrt sich versehentlich aus dem Theater aus, wird vom Personal an der Eingangstür nicht als Teil des Casts erkannt und infolgedessen abgewiesen.

Vielleicht diese merkwürdige Dopplung auch darauf zurückzuführen, dass es sich bei diesem unangenehmen Erlebnis um einen klassischen Schauspieleralbtraum handelt. Dennoch empfand ich diese offensichtliche Wiederholung als geradezu absurd komisch. Das Arthauskino scheint sich gerade nicht nur verstärkt mit sich selbst, sondern auch mit älteren Männern in Lebenskrisen auseinanderzusetzen. In beiden Filmen lieben die Helden eine deutlich jüngere Frau, in beiden Fällen ist diese Verbindung problematisch. In The Humbling steht dieser Aspekt sogar im Fokus der Handlung. Simon Axler (Al Pacino) begegnet nach einem krisenbedingten Klinikaufenthalt der Tochter einer ehemaligen Schauspielkollegin. Die College-Dozentin Pegeen (Greta Gerwig) schwärmt schon seit ihrem 8. Lebensjahr für den deutlich älteren Schauspieler und sieht nun ihre Chance gekommen, diesem Begehren endlich Ausdruck zu verleihen. Dass sie eigentlich seit 16 Jahren mit Frauen schläft, scheint sie nicht zu stören, als sie Simon völlig überraschend und überschwänglich küsst.

Doch passiert dies wirklich? Barry Levinson lässt den Zuschauer stets im Unklaren darüber, welche Teile der Handlung der Realität und welche Simons Wunschträumen entspringen. Die Erzählperspektive ist stark auf den Helden konzentriert. Simon erzählt seinem Therapeuten und somit uns im Voice Over die sich hier abspielende Geschichte. Die Kamera sucht auffällig oft die Nähe zur Hauptfigur, als wolle sie das Umfeld ausblenden und die Handlung ganz auf einen einzigen Leinwandcharakter reduzieren. Al Pacino ist ohne Weiteres in der Lage, diesen starken Fokus zu tragen. The Humbling lebt zum Großteil von seiner Schauspielleistung. Durch Traumsequenzen, Überblendungen und chaotisch wirkende Schnitte erschafft Levinson das Gefühl von Wirklichkeitsverzerrung, das auch an den ruhigen Passagen Zweifel aufkommen lässt. Was hat es mit der Beziehung der jungen Frau mit dem älteren Mann wirklich auf sich?

Leider lässt sich diese Frage auch rückblickend nicht klären. Levinson bleibt für meinen Geschmack in dieser Hinsicht zu ambivalent, schreckt zu sehr davor zurück, eine physische Anziehung oder gar sexuellen Kontakt zwischen Simon und Pegeen zu visualisieren. Ihre Beziehung bleibt merkwürdig unkörperlich, die einzige „Sexszene“ erzählt vom Scheitern des Geschlechtsakts und zeigt Pegeen bei der Masturbation mit ihrem Vibrator. Dies allerdings unter der Decke, während Simon neben ihr von völlig anderen Dingen spricht. So viel Verzicht und so wenig Leidenschaft.

© Millennium Films

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Doch vielleicht geht es hier gar nicht so sehr um die Beziehung zwischen Simon und Pegeen, sondern um etwas ganz anderes. Die Krise des Schauspielers ist auch eine nahezu erkenntnistheoretische. Was ist realer: Die Rolle auf der Bühne oder die im Leben? Was immer er auch tut, Simon ist sich der Performativität seiner Handlungen stets so bewusst, dass er das Gefühl hat, in jeder Lebenslage zu schauspielern. In dieser Hinsicht kommt ihm die ehrliche Verkörperung eines fremden Charakter im Theater realer vor (ein Gedanke, der übrigens in Birdman ebenfalls auftaucht).

Das Thema Performanz spielt in diesem Film auch für das Thema Geschlecht eine große Rolle. Pegeen tritt als eher burschikose Lesbe auf und wird von Simon nach seinen Vorstellungen „verweiblicht“, was in diesem Falle primär das Tragen stereotyp weiblicher Kleidung bedeutet. Die Ambivalenz von Geschlecht manifestiert sich des weiteren in der Figur des Transsexuellen Prince (Billy Porter), einer Ex-Freundin Pegeens, die nach einer Geschlechtsumwandlung nun als Mann lebt und dennoch einen Platz im Leben der lesbischen Verflossenen sucht. Das Thema von Identität und Performanz wird in The Humbling also auf recht komplexe Weise verhandelt. Die Ambivalenz von Realität und Vorstellung spiegelt sich auch auf der Ebene der Geschlechtsidentität wieder. Ist die Liebesbeziehung also am Ende nur ein Träger anderer und vor allem größerer Themen dieses Films?

Die limitierte Perspektive der Erzählung bleibt trotzdem schwierig, da sie unsere Sicht auf die weibliche Hauptfigur maßgeblich beeinflusst. Durch Simons neurotischen Blickwinkel erscheint Pegeen manchmal hysterisch, undankbar, ja sogar bösartig. Dabei sind ihre emotionalen Reaktionen höchstwahrscheinlich auf die verzerrte Erwartungshaltung Simons zurückzuführen. Für den Zuschauer verschiebt sich die Psychose der männlichen Hauptfigur dennoch – zumindest vorübergehend – auf Pegeen. Bis zum Schluss wissen wir nicht, ob sie Simons Untergang, ein Opfer seiner Psychose oder vollständig imaginiert ist und es besteht durchaus die Gefahr, sie als berechnend zu verurteilen.

The Humbling ist nicht ganz unproblematisch. Die Verhandlung performativer Geschlechtsidentität wirkt ein wenig unausgegoren und das Verhältnis zwischen Pegeen und Simon aus obig genannten Gründen zwiespältig. Doch zugleich ist Barry Levinsons Film ein immens reichhaltiger, der – wenn auch durch einige Längen nicht durchgehend fesselnd – doch zahlreiche Gedankenanstöße liefert. Das macht seine Qualität aus und bei allen Ähnlichkeiten mit anderen Filmen auch seine Einzigartigkeit.

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