The Lobster – Wenn schon halbe Schuhgrößen zu komplex sind

by on 05/16/2015
© Protagonist Pictures

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Wenn sich ein Paar trennt, heißt es nach einer gewissen Trauerphase meist: das Leben geht weiter. In The Lobster ist diese Floskel aber noch viel weniger Wert als in unserem alltäglichen Leben. Für seinen neuen Spielfilm hat sich der griechische Regisseur Giorgos Lanthimos nämlich ein äußerst bizarres Szenario ausgedacht: volljährige Menschen, die nicht in einer ordentlichen Zweierbeziehung leben, werden in ein Hotel gebracht, um dort 45 Tage lang nach einem Lebenspartner zu suchen. Gelingt ihnen das nicht, werden sie in ein Tier ihrer Wahl verwandelt.

Die meisten Menschen, so erklärt die Hotelleiterin (Olivia Colman), würden dabei nicht an exotische Tiere denken, sondern an Hunde, deswegen seien auch so viele Arten vom Aussterben bedroht. David (Colin Farrell), der gerade von seiner Frau verlassen wurde, entscheidet sich für den Hummer. Weil er das Meer liebt, hauptsächlich. Von der Welt, in der The Lobster spielt, sehen wir für ziemlich lange Zeit nichts weiter als besagtes Verkupplungshotel, dessen Konzept Lanthimos bis ins Detail durchdacht hat. Einen perfide obsessiven Spaß scheint er daran zu empfinden, all die Absurditäten zu durchleuchten, die anmuten, als hätte jemand auf unsere eigene Gesellschaft eine brutal große Lupe gehalten. Hier gilt die monogame Zweierbeziehung nicht nur als Ideal, sondern als unantastbare Regel. Beim Einchecken muss sich David denn auch entscheiden: homo- oder heterosexuell. Die Bi-Option wurde vor Kurzem abgeschafft – zu viele Komplikationen. Dann müssen die Hotelbewohner allen persönlichen Besitz abgeben und bekommen Kleidung gestellt – keine halben Schuhgrößen! – und ab gehts zur Kuppelparty.

© Festival de Cannes

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Giorgos Lanthimos scheint (das wage ich zu behaupten, obwohl ich seine bisherigen Filme nur ausschnittsweise kenne) die Menschen und ihre Regeln des Zusammenlebens nicht sonderlich zu schätzen. Bei ihm haben sie nämlich allesamt einen an der Klatsche, selbst jene, die zu Opfern werden. Nachdem David einen ersten Beziehungsversuch in den Sand setzt, flieht er in den Wald zu den Einzelgängern, die der Gesellschaft völlig entsagt haben. Eine Zelle des Widerstands gegen das geradezu faschistisch aufoktruierte Regime über individuelle Entscheidungen und Emotionen, könnte man meinen. Tatsächlich sind die Menschen hier aber nur in das andere Extrem verfallen. Hier mag die Masturbation vielleicht nicht verboten sein, unter der Herrschaft der Anführerin (Léa Seydoux) hat sich jedoch ein ebenfalls streng reglementiertes System entwickelt, in dem körperlicher Kontakt genauso unter Strafe gestellt ist wie ein harmloser Flirt.

Die engen Grenzen, die den Menschen in dieser Umgebung gesteckt sind, setzt der Regisseur in seiner Inszenierung nur bedingt fort. Seine Schauspieler lässt er in atemlos stockenden Sätzen sprechen, als hätten sie den Ausdruck von Emotionen ohnehin schon verlernt. Dafür werden bereits bei ersten Treffen die intimsten Details freigiebig miteinander verhandeln: „Wir können ficken und ich habe auch kein Problem mit Analsex“, macht eine verzweifelt wirkende Frau David in ihrem ersten Gespräch ein Angebot. Selbst die Musik scheint in The Lobster gefangen zu sein: extrem laut schallt sie durch den Kinosaal, ihr bleiben aber nur ein paar kurze, zackige Takte, dann muss sie wieder verklingen. Im Kontrast dazu steht die Erzählstimme von Rachel Weisz, die schon durch den Film führt, bevor wir sie schließlich in der zweiten Hälfte zu sehen bekommen – als eine der einsamen Waldbewohner, mit der David entgegen alle Reglements eine Beziehung beginnt, schließlich sind sie beide kurzsichtig und das scheint auch genug.

© Festival de Cannes

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Die Hauptsache in den Beziehungen dieser filmischen Welt ist, dass die Partner eine übereinstimmende Eigenschaft, eine Gemeinsamkeit haben. Und wenn es Beziehungsprobleme gibt, wird ein Kind verschrieben, in den meisten Fällen ist damit alles geregelt. Das mag bizarr klingen – und Giorgos Lanthimos inszeniert es auch so formelhaft streng, dass es bizarr erscheint – bei genauem Hinsehen unterscheiden sich diese Konventionen aber beunruhigend wenig von unseren eigenen. Die monogame Zweierbeziehung gilt in weiten Teilen der Gesellschaft noch immer als umhinterfragtes Ideal, alles andere verwirrt die Menschen nur. In einer Szene besucht David in perfekt imitierten Partnerkonstellation die Eltern der Außenseiterchefin und worüber wird sich unterhalten? Natürlich. Die Arbeit, die Ehe, die lieben Kleinen. Das alles – von vorn bis hinten eine Lüge. Aber für die Eltern klingt es glaubhaft. Wieso? Weil es Themen sind, über die wir wunderbar reden können wie auswendig gelernt, ganz ohne wirklich etwas Persönliches über uns preiszugeben. Vielleicht sind wir alle doch nicht so individuell wie wir so gern glauben.

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