The Look of Love

by on 06/23/2013
© Alpenrepublik

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Als ich die Pressevorführung zu The Look of Love verließ, ging mir vor allem durch den Kopf, wieso ich während der Berlinale eigentlich so verzweifelt gewesen bin, als ich diesen Film von Michael Winterbottom verpasst hatte. The Look of Love ist trotz der erfolgversprechenden Formel „Sex and Drugs“ ein absolut nichtiges Stück Film. Statt dem Zuschauer irgendeine Form von Botschaft mit auf den Weg zu geben, steht am Ende dieses Kinoerlebnisses eigentlich nur die Frage nach dem Warum. Warum dieser Film? Wieso? Weshalb?

Es ist die Geschichte eines erfolgreichen britischen Nachtclubbesitzers, der durchaus gekonnt von Steve Coogan verkörpert wird. Doch eine solide schauspielerische Leistung hilft eben auch nichts, wenn ein Drehbuch seinen Helden gänzlich uninteressant präsentiert. Raymond liebt die Frauen – am liebsten mehrere auf einmal. Er ist reich und nutzt jede Gelegenheit, um noch reicher zu werden. „Wird eigentlich alles was sie anfassen zu Gold?“ fragt ihn an einer Stelle ein Journalist. „Nein, „antwortet Raymond, „aber genug!“ Bei all dem wirkt der Held nicht mal unsympathisch, sondern einfach nur wie ein begabter Unternehmer, der sich an den Früchten seiner Arbeit labt. Es ist dem Helden nur eine einzige Schwachstelle vergönnt: seine Tochter Debbie, gespielt von der wundervollen Imogen Poots, die weitaus mehr Ausstrahlung mitbringt als alles was oben ohne über Raymonds Bühnen tänzelt.

Irgendwie, so er ahnt der Zuschauer, soll es um dieses Vater-Tochter-Verhältnis gehen, denn der Film beginnt mit Debbies Beerdigung. Dann aber rekapituliert die Erzählung nicht die Beziehung zwischen Vater und Tochter, sondern vielmehr die Lebensgeschichte Paul Raymonds. Figuren treten auf und wieder ab, ohne dass ihre Funktion für die Geschichte deutlich würde. Die Handlung verläuft wie auch das Leben des Helden weitgehend undramatisch. Es gibt keine Tiefschläge, die für Spannung sorgen könnten oder Raymond die Chance geben, sich von einer Figur zu einem Charakter zu entwickeln.

Die natürlichen Farben, mit dem Michael Winterbottom diese Geschichte in Bildern einfängt, will nicht ganz zum schillernden Protagonisten passen. Immerhin war Paul Raymond einst der reichste Mann Großbritanniens, doch seinen Luxus können wir nur erahnen. Alleinig sein Apartment, dass er – wie er gerne bei jeder Gelegenheit betont – gemeinsam mit Ringo Starr von The Beatles eingerichtet hat, ist ein Hinweis auf seinen Wohlstand. Ich musste während des Films immer wieder an Behind the Candelabra von Steven Soderbergh denken (Kinostart 3. Oktober 2013), in dem der Showpianist Liberace (Michael Douglas) in all seinem Glamour portraitiert wird. Selbstverständlich ist dies eine andere Figur, die deutlich stärker durch die Inszenierung ihrer selbst auffällt. Doch die Art und Weise, wie Soderbergh durch den Stil seines Films die Hauptfigur gleich mitbeschreibt, hat mir in The Look of Love ein wenig gefehlt. Die Erotik, das Verbotene, das Zwielichtige, aber auch das Reizvolle – keine dieser Facetten des Nachtlebens von Soho, in dem sich Paul Raymond herumtreibt, kann Michael Winterbottom auf stilistischer Ebene beschreiben. So ist der Film rein optisch wenig ansprechend und kann in der Konsequenz auch nur schwer vermitteln, wie faszinierend Raymonds Shows für das Publikum der 60er und 70er Jahre gewesen sein müssen.

Imogen Poots ist in meinen Augen das stärkste Element des Films. Es gelingt ihr, die gemischten Gefühle ihrer Figur für deren Vater glaubhaft darzustellen. Dabei gestaltet sich ihre Perspektive auf Raymond in meinen Augen deutlich interessanter als die des Helden und ich glaube kaum, dass das nur an meiner eigenen sexuellen Identität liegt, die mich für die weibliche Sicht der Dinge empfänglicher macht. Vielmehr findet sich in der Figur der Debbie genau die Art von emotionaler Vielschichtigkeit und Konflikten, die dem männlichen Protagonisten fehlen. Sehr gerne würde ich denselben Film noch einmal aus Debbies Perspektive sehen. Die junge Frau verehrt ihren Vater, wie es ja viele Töchter tun, und respektiert seinen Lebensstil – sogar die Scheidung von ihrer Mutter – scheinbar durch und durch. Und doch gibt es da eine interessante Rivalität und zugleich Freundschaft zwischen Debbie und Pauls neuer Flamme Fiona (Tamsin Egerton), die nicht nur darauf basiert, dass beide Frauen im selben Alter sind. Zudem hätte es mich interessiert, wie Debbie damit umgeht, wenn sie ihren Vater mit kaum volljährigen Mädchen flirten sieht, im vollen Bewusstsein dessen, dass diese gemeinsam in seinem Bett landen werden.

Dieselben Fragen könnte man übrigens auch bezüglich Paul formulieren: Was empfindet er wirklich für seine Tochter? Warum zieht er sie seinem leiblichen Sohn vor? Warum ist er so erpicht darauf, sie zu seiner Nachfolgerin zu machen, obwohl es vollkommen offensichtlich ist, dass sie dieser Aufgabe nicht gewachsen ist? Dies sind Fragen, deren Beantwortung der Figur Paul Raymond eine Persönlichkeit, ein Innenleben verliehen hätte. Und dies sind auch Fragen, die dem Film eine Relevanz gegeben hätten.

So aber wirkt The Look of Love eher wie der Versuch, eine endlose Aneinanderreihung von Aufnahmen barbusiger Frauen in irgendeine Geschichte zu verpacken, damit Feministinnen (wie ich) am Ende nicht aufspringen und zetern. In der Tat zetere ich. Allerdings nicht über die – anbei wirklich permanente – Objektivierung der Frau, sondern über einen schlecht erzählten und darüber hinaus sinnlosen Film.

Kinostart: 29. August 2013

Pressespiegel bei film-zeit.de

THE LOOK OF LOVE OFFICIAL TRAILER from total:spec on Vimeo.

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