The Look of Silence – Ein „gewaltiger“ Dokumentarfilm

by on 08/29/2014

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© Final Cut for Real

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Vor etwa 1 ½ Jahren sorgte Joshua Oppenheimers Dokumentarfilm The Act of Killing bei der Berlinale für großes Aufsehen. Leider passte der Film damals nicht in mein dichtes Festivalprogramm und zu meiner Schande muss ich gestehen, ihn trotz zahlreicher und euphorischer Empfehlungen auch im Nachhinein nicht gesichtet zu haben. Umso gespannter war ich auf das Nachfolgewerk The Look of Silence, dass bei den 71. Internationalen Filmfestspielen in Venedig im Wettbewerb lief. Und diesmal war ich dabei.

Wie schon im Vorgängerfilm beschäftigt sich der Dokumentarfilmer Joshua Oppenheimer mit dem Militärregime Indonesiens, das nach der Machtergreifung im Jahr 1965 im Rahmen blutiger Massaker vermeintlich kommunistischen Gegnern der neuen Regierung auf höchst brutale Weise den Garaus machte. Nun ist Völkermord in der Geschichte der Menschheit bedauerlicher Weise „nichts Besonderes“. Besonders ist im Fall Indonesiens aber, dass die Täter bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen wurden und stattdessen in Wohlstand und politischen Schlüsselpositionen ihren Lebensabend begehen.

Widmete sich Oppenheimer in The Act of Killing noch diesen Tätern, verschiebt er den Fokus in The Look of Silence nun auf die Überlebenden. Er begleitet den Optiker Adi, dessen älterer Bruder Ramli zu den prominentesten Opfern der Massaker gehört. Oppenheimer zeigt Adi Interviews mit den Mördern seines Bruders und begleitet ihn zu Gesprächen mit ehemaligen Tätern. So ist der Zuschauer quasi gezwungen, sich dieser furchterregenden Geschichte aus der Perspektive eines Betroffenen anzunehmen.

Die Bilder der Mörder sind erschreckend. Mit einem triumphalen Lächeln auf den Lippen spielen sie völlig scham- und schuldbefreit ihre Gräueltaten nach, als handele es sich hier um die fröhliche Anekdote einer bewegten Jugend. Allein dies ist höchst verstörend, doch das Bewusstsein, dass nicht nur wir, sondern auch der Bruder des Opfers diese Bilder anschauen, intensiviert die Wirkung der Szenen. Es ist unfassbar mit welcher Ruhe Adi den Filmaufzeichnungen und später auch den Tätern begegnet. Nur selten spiegelt sich in seinen eingefrorenen Gesichtszügen für einen kurzen Moment unser eigenes Entsetzen wider. Im späteren Verlauf des Films wird Adi zunehmen emotionaler. Er konfrontiert die Verantwortlichen mit bohrenden Fragen nach Moral und Menschlichkeit. Wenn er sich dabei als Hinterbliebener eines Opfers outet, treten ihm kaum sichtbare Tränen in die Augen, während seine Gesprächspartner in der Regel mit Aggression reagieren. Adis Ruhe und aufrichtiges Interesse an den Meinungen seines Gegenübers machen The Look of Silence auch zu einem Film über die Macht der Vergebung, der mit großer Dringlichkeit die Frage formuliert, ob Vergebung notwendigerweise einen Akt der Einsicht voraussetzt. Können sich Adi und seine Familie mit den Tätern versöhnen, obwohl diese ihr Handeln leugnen oder als heldenhafte Akte darstellen?

Die Berichte der Gräueltaten gehen an die Nieren, verursachen gar physisches Unwohlsein wie Übelkeit und körperliche Anspannung. Die Einblicke in Adis Familienleben bilden dazu einen zugleich beruhigenden wie auch schmerzhaften Kontrast. Die angeblich nach eigener Aussage über 100 Jahre alte Mutter versorgt den mindestens ebenso alten Vater, der – nur noch Haut und Knochen – seit über zehn Jahren als bettlägeriger Pflegefall vollständig auf ihre Hilfe angewiesen ist. Im Umgang der Frau mit ihrem Ehemann offenbart sich immense Zärtlichkeit, die sich zugleich tröstlich wie auch herzzerreißend gestaltet, da uns doch stets bewusst ist, welche furchtbare Tragödie diese beiden Menschen durchlebt haben.

© Final Cut for Real

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Es ist jedoch eben diese Präsenz von menschlicher Fürsorge, die letztlich die Kraft von The Look of Silence ausmacht. Ausschließlich menschliche Abgründe darzustellen, wäre viel zu plakativ und auch zu einfach. Die Bilder vom liebevollen Umgang der Eheleute miteinander erinnern uns stets daran, dass auch das Teil der menschlichen Natur ist und gleichzeitig- so schwer es auch sein mag, dies anzunehmen – dass jeder Mörder zugleich auch ein Sohn, vielleicht ein Ehemann oder gar ein Vater ist.

So schrecklich die Geschichten skrupelloser Gewalt auch sein mögen, so sehr stellte ich mir deshalb abschließend die Frage, ob Oppenheimers Herangehensweise der komplexen historischen Situation wirklich gerecht wird. Die Unfähigkeit der Verantwortlichen, ihre unmenschlichen Gräueltaten als solche anzuerkennen und zu beschreiben, kann, so glaube ich, nur die Folge eines schwerwiegenden Traumas sein. Kein Mensch wird als Monster geboren! Mit der Offenbarung, Ramlis Bruder zu sein, treibt Adi seine Gesprächspartner letztlich auch in die Enge, da sich das Vergangene und Verdrängte plötzlich in seiner Person neu manifestiert. Doch in The Look of Silence ist für diese Ursachensuche kein Raum, Adis Wille zur Vergebung findet in Oppenheimers Inszenierung keine Entsprechung.

Wenn es aber nicht um Vergebung geht, worum geht es dann? Um ein erneutes Anprangern der Gräueltaten? Stand dies nicht schon im Zentrum von The Act of Killing? Auch wenn hier die Hinterbliebenen im Fokus stehen, so sind es doch erneut die Täter, die durch ihre schaurig heroischen Schilderungen der eigenen Verbrechen maßgeblich zur Wirkung des Films beitragen. Wir sind schockiert von so viel Unmenschlichkeit, von so viel Schmerz auf Seiten der Betroffenen, von so viel blindem Gehorsam, Verdrängung und Irrsinn der Täter. Doch liegt in dieser Darstellung nicht auch ein Funken Elendsvoyeurismus?

The Look of Silence ist ein wirkungsmächtiger Film. Daran besteht kein Zweifel. Auch Oppenheimers Zugang zu seinen Protagonisten, die immense Nähe, die er zu beiden Seiten aufzubauen im Stande ist, beeindruckt. Und doch kann ich nicht anders als eben diese Seiten in Frage zu stellen. Im undifferenzierten Urteil über die Täter, das dieser Film provoziert, liegt eben auch eine gehörige Portion Gewalt.

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