The Neon Demon – Subversiv oder misogyn?

by on 06/15/2016

Flattr this!

© Koch Media

© Koch Media

Als vor einigen Wochen Nicolas Winding Refns The Neon Demon seine Premiere in Cannes feierte, geschah, womit der Regisseur selbst wahrscheinlich am allermeisten rechnete: sein Film gehörte zu jenen an der Croisette, die die aufgescheuchte Kritikerschar am tiefsten spaltete. Große Kinokunst, postulierten die Einen, aufgeblasene Misogynie, schalten die Anderen. Eine Woche später fand die Berliner Pressevorführung der Horrorsatire statt und die Meinungen waren im Sony Center nicht weniger vielfältig als im Palais du Festival.

Das ist im Grunde auch kein Wunder. The Neon Demon erscheint zu einer Zeit, in der der weltgrößte Popstar Beyoncé auch die öffentlichkeitswirksamste Feministin ist und Genderthemen – in unterschiedlichen Ausprägungen und Tiefegraden – so weit in den Mainstream vorgedrungen sind wie selten zuvor. In diese Phase hinein kommt ein Film von einem männlichen Regisseur irgendwo zwischen Genre und Auteur, der einen Horrorfilm dreht, weil er eigenen Angaben zufolge das sechzehnjährige Mädchen herauslassen wollte, das in jedem Mann stecke. Kein Wunder, das The Neon Demon polarisiert. Gut oder schlecht – wer weiß das schon?

Nicolas Winding Refn bewegt sich im Spielraum eines Genres, das traditionell eher – und dabei ist klar, dass solche Zuschreibungen nie absolut sein können – mit einem männlichen Publikum assoziiert wird. Horror, Hollywood-Referenzen von Sunset Boulevard bis David Lynch, ein großes Sehnen des Regisseurs hin zu Giallo und Exploitationkino. Von Männern für Männer gemacht. Frauen als Token. Im Angesicht solcher Konventionen macht NWR schon mal vieles anders. Indem er zum Beispiel den Film nicht nur seiner Gattin widmet, sondern zahlreiche Positionen im Drehbuch-Department, die Kamera und die Produktion weiblich besetzt. Und überhaupt: einen Genrefilm dreht, der ohne Weiteres den (natürlich für sich genommen nicht sonderlich aussagekräftigen) Bechdel-Test besteht. Der in einem Milieu spielt, das im Gegensatz zum Genre-Marketingstempel eher einem weiblichen Publikum zugeschrieben wird.

Elle Fanning spielt die schöne Jesse, 16 Jahre jung und elternlos, die auf eigene Faust nach Los Angeles kommt, um in der Modebranche ganz groß als Model rauszukommen. Abbey Lee und Bella Heathcote als ihre professionellen Kolleginnen, Jena Malone als abgeklärte Visagistin. Die Besetzungsliste von The Neon Demon besteht im Kern aus vier Darstellerinnen. Auf der Repräsentationsebene fällt es leicht, diesen Umstand beiseite zu wischen: Machtpositionen im Film haben nämlich (mit Ausnahme von Christina Hendricks als pragmatischer Model-Agentin) die Männer inne: sie sind die gefeierten Fotografen und die großen Designer, die darüber entscheiden, ob eines der dünnen Mädchen zum Star wird oder in der Bedeutungslosigkeit x-beliebiger Kaufhauswerbekampagnen versinkt. Aber einmal abgesehen davon, dass es nicht nur in der Modebranche tatsächlich noch meist die Männer sind, die auf den Entscheiderposten sitzen, gibt es neben der repräsentativen immer auch die allein innerhalb des Films existente Ebene der Inszenierung. Und auf dieser Ebene lässt sich ebenso wenig leugnen, dass in The Neon Demon die Männer in ihren Nebenrollen die entwicklungslosen Figurentypen und meist auch Idioten sind: Karl Glusman als naiver Amateurfotograf, der es nach den erbarmungslosen Regeln des Marktes nie zu etwas bringen kann und irgendwann sang und klanglos von der Handlung geschluckt wird. Desmond Harrington als so übergriffiger wie unsympathischer Star-Fotograf. Allessandro Nivola als Karikatur eines arroganten Modeschöpfers und Keanu Reeves als Versager von einem Motel-Besitzer, der seinen Verliererstatus dadurch zu kompensieren sucht, dass er sich mutmaßlich an seinen weiblichen Gästen vergeht.

© Koch Media

© Koch Media

Als ein Film, der sich auf Genrekonventionen bezieht, aber diese gleichzeitig auch im Produktionskontext, auf inhaltlicher sowie auf inszenatorischer Ebene sprengt, hat The Neon Demon das Potential, verschiedene Zuschauergruppen zu erreichen und unmittelbar Diskussionen auszulösen. Das ist bereits geschehen, der Blick in die Twitter-Timeline nach der Cannes-Premiere bewies es. Es ist sogar erfreulich, dass nach einem in der oftmals nicht vorurteilsfrei betrachteten Modebranche angesiedelten Film nicht alle Zuschauer nur unter Kopfschütteln einmütig bekunden: „Diese armen Mädchen, da müsste man doch mal…“ Stattdessen erweitert The Neon Demon den Diskurs zum Genre-Auteur-Verhältnis um weibliche, um feministische Perspektiven und Positionen.

Und doch: bei einem Film, der derart lautstark seine künstlerischen Absichten in jeden Pixel einschreibt, kommt man kaum umhin, nicht auch den symbolischen Gehalt zu deuten, der in The Neon Demon steckt. Und in diesem Kontext sind die Protagonistinnen von Nicolas Winding Refn eben auch nicht nur selbstbewusste Karrierefrauen. Unter den Augen der männlichen Bosse werden die Models zu hörigen Objekten, befolgen vor der Kamera Befehle, verzichten aufs Mittagessen und absolvieren demütigende Modenschau-Castings in nichts als Unterwäsche. Manchmal wirkt The Neon Demon, als hätte der Regisseur die schlimmsten Episoden von Project Runway und Germany’s Next Top Model für das Kino adaptiert und damit letztlich doch alle Vorurteile über die Fashion-Welt bestätigt. Es wäre nun beileibe nicht feministisch, einer Frau, die sich für Mode interessiert oder sich öffentlich entkleidet, ihre Emanzipation abzusprechen – oder einen Film allein dafür zu geißeln, dass er entsprechende Figuren zeigt. Allerdings macht es sich Nicolas Winding Refn oftmals so einfach, dass man unweigerlich große Mengen Goldfarbe und Glitter über den Kinosessel erbrechen möchte.

Fannings Jesse ist eine Wiedergängerin des uralten Lolita-Typus: unerhört jung und mit staunenden Rehaugen kommt sie in Los Angeles an, sich ihrer umwerfenden optischen Wirkung höchstens ansatzweise bewusst. Traumhafte Klimpermusik erklingt, wenn sie sich ihre Zukunft ausmalt. Sie trägt pastellfarbene Feenkleidchen, ihre Konkurrentinnen hingegen schönheitsoperierte Nasen und die orthopädisch skulpturalen Korsetts der Berliner Designerin Marina Hoermanseder. Mit der Unschuld hat es bald ein Ende, als Jesse bemerkt, wie gut sie ist. In einer lang ausgespielten Szene der Selbsterkenntnis schreitet sie als apotheotisches Wesen über den Catwalk und entwickelt einen Stolz, der das gesunde Selbstwertgefühl glatt überspringt, um direkt in Narzissmus überzugehen. Ihre zunehmende Grausamkeit nimmt man Jesse aber nicht übel. Sie besitzt sie schließlich, die wahre Schönheit. Der Modeschöpfer spricht es aus: Schönheit sei nicht alles. Sie sei das Einzige, was wir haben. Wer interessiere sich schon für den Charakter einer Frau auf der Straße, solange sie unansehnlich sei.

Ein Regisseur darf solche Positionen natürlich in seine Filme einbauen und steht auch längst nicht in der Pflicht, daraus eine dialektische Abhandlung zu machen, die mir als Zuschauerin in aller Deutlichkeit erklärt was moralisch bedenklich ist und was nicht. Die Frage bleibt aber dennoch, ob wir einen Film wie The Neon Demon wirklich noch sehen wollen. Er erklärt die Schönheit zwar zu einem Wert. Aber im Gegensatz zu vielen wunderbaren Filmen, die dem Stil den Vortritt vor dem Plot und klar artikulierte Fragestellungen geben, stellt sich bei Nicolas Windung Refn kaum ein den Blick weitendes Schwelgen in ästhetischem und emotionalem Überfluss ein. Affekte und Glitterpartikel perlen ab an den glatten Oberflächen, am kalten Design, die Symbole bleiben ewig ineinander gespiegelte Klischees, die Referenzen lieblos. Das kurze Überwältigungsgefühl verpufft. The Neon Demon trägt nicht unbedingt zur Wertschätzung von Schönheit bei. Und wenn dieser Kern fehlt, was bleibt dann letztlich noch? Dann bleibt der schale Nachgeschmack eines Films, der auf narrativer wie inszenatorischer Ebene funktioniert, weil er unterschiedliche Frauentypen gegeneinander ausspielt, ohne Raum für Alternativen und für ein aktives Durchbrechen solcher zerstörerischer Strukturen zu lassen. Der nicht ausschließlich, aber doch unter klarem Fokus das äußere Erscheinungsbild von Frauenfiguren als direkte und einzige Hinführung zu ihrem Handeln benutzt und diese Erscheinungsbilder dabei deutlich beurteilt. Der eine Zweitklassigkeit deklariert, die so etwas wie „wahre Schönheit“ nie erreichen kann. Das alles unter dem Deckmantel der Satire, versteht sich. Sollte so tatsächlich das Menschenbild des sechzehnjährigen Mädchens in Nicolas Winding Refn aussehen, bleibt zu hoffen, dass es da irgendwo noch eine nette Tante gibt, die ihm zum siebzehnten Geburtstag High Heels und für den Anfang ein Buch von Laura Mulvey in die Hand drückt.

Kinostart: 23. Juni 2016

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* 6+3=?

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.