The President – Die ewige Frage

by on 01/14/2016

Flattr this!

 © Bac Films

© Bac Films

Regimekritik findet sich zuhauf. Verbale Unterstützung der dazugehörigen Revolutionen ebenfalls (mit darauffolgender Verdammung). Echte Reflexion aber geht im Medientrubel meistens verloren. Mohsen Makhmalbaf (Kandahar, The Gardener) hat mit The President einen traumartigen Zerrspiegel geschaffen, der einerseits stark stilisiert, andererseits aber auch roh die verschiedenen Ausschnitte gegenüberstellt.

Es ist ebenso lustig wie furchteinflößend: Der in seine feinste Uniform gekleidete Präsident (Misha Gomiashvili) eines unbekannten Landes hat seinen zum Spiegelbild gekleideten Enkel (Dachi Orvelashvili) auf dem Schoß und spielt Licht an, Licht aus. Das Spiel besteht darin, dass beide abwechselnd in den Hörer sprechen und dem städtischen Kraftwerkbetreiber befehlen, alle Lichter in der Stadt abwechselnd an- und ausgehen zu lassen. Der Junge will eigentlich ein Eis, aber das findet er auch gut. Nur, dass die Lichter irgendwann nicht mehr angehen und die Beleuchtung von zahlreichen Explosionen in der Stadt kommt.

Das Volk und vor allem das Militär hat genug. Das versteht sogar der Despot und ordert die Flucht für seine Familie an. Er selbst bleibt zurück, in festem Glauben an den Machterhalt und da das niemand so recht anzweifelt, darf der Enkel auch bleiben. Recht schnell wird klar, dass das so nichts wird und beide zu Fuß eine aufwändige und gefährliche Flucht vor sich haben.

 © Bac Films

© Bac Films

Und diese Flucht ist es, die die ingesamt zweistündige Satire so kurzweilig und tiefgreifend werden lässt. The President ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, oder vielmehr -szenarien, deren Verbindung die beiden Flüchtlinge sind. Da eine Demaskierung den Tod bedeuten würde, schlüpfen sie ständig in neue Rollen: Als Straßenmusikanten, Schafhirten und sogar als flüchtende politische Gefangene. So gesehen wird The President zu einer Art Buddha-Parabel, in der der ehemalige „Nobelmann“ das Leid seines Volkes kennenlernt und Schritt für Schritt geläutert wird. Nur, dass Buddha eben kein mörderischer Diktator war.

Wir erfahren nicht besonders viel über die Politik der Präsidentenfamilie. Sie haben das Land heruntergewirtschaftet, soviel ist klar. Aber The President dreht sich mehr um die entstandene Athmosphäre, Andeutungen. Ebenso wie der Präsident sind auch die Bürger Karikaturen, aber Karikaturen der Not. Friseure mit durchgerosteten Rasiermessern, nur einem einzigen Pullover und Kunden, die statt zu bezahlen sich selbst noch Geld leihen müssen. Politische Flüchtlinge mit zur Nutzlosigkeit zerstörten Füßen und Prostituierte, die dank der „Befreiung“ durch die Armee nun so viel (nicht zahlende) Kundschaft haben, dass sie die seltenen Pausen mit Blut abwischen verbringen. Natürlich kann das nur im Kino als Karikatur wirken, in der Realität ist es einfach Fakt.

 © Bac Films

© Bac Films

The President tanzt so ständig auf des Messers Schneide, zwischen himmelsschreiender Ungerechtigkeit und himmelsschreiender Komik. Interessant ist dabei vor allem, dass die Titelfiguren wirklich hinter ihren Tarnungen verschwinden. Die kleinen Geschichten wirken wie abgeschlossen, und der Präsident und sein Enkel sind in diesen kleinen Universen absorbiert. Wir vergessen die Rahmengeschichte. Das kommt nicht zuletzt von den retro-innovativen Stilentscheidungen, die Mohsen Makhmalbaf für den Film getroffen hat. Teils sehr lange Einstellungen, zum Beispiel von einem Mann, der nach seiner Flucht sein altes Grundstück bis zu seiner Haustür kriecht und die zahlreichen Audio-Video-Veschiebungen erinnern mich an Filme von Andrei Tarkovski. Das generelle Stolpern in fast märchenhaft übertriebene, aber nichtsdestotrotz dramatische Situationen an Ingmar Bergman oder Emir Kusturica (und manchmal Helge Schneider).

The President wirkt wie ein alterwürdiger Film mit neueren Requisiten. Zeitlos. Was stilistisch eine erfrischende Langsamkeit bringt, spiegelt sich inhaltlich in der vorsichtigen und schrittweisen Bearbeitung des Ausgangsproblems: Wir wissen, dieser Mann ist ein Monster. Er sollte bestraft, qualvoll hingerichtet werden. Aber wo hört das auf? Was wird gewonnen durch Rache und was kann anders als absolute Vergebung die im Film oft erfragte Alternative sein? Was ist Reue wert und was Gnade?

Und so ist The President keine Heldengeschichte über die Befreiung eines Landes, denn die Befreier sind notwendigerweise oft genauso blutrünstig. Es ist eine Geschichte über Gewalt und Rache an sich, wie wir mit ihr umgehen können und sollten, damit sie aufhört. Wenn es im momentanen, globalpolitischen Kontext eine wichtigste Frage gibt, ist es wohl nach wie vor diese.

Kinostart: 14. Januar 2015

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* 5+1=?

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.