The Way He Looks – Mit allen Sinnen

by on 02/12/2014
© Berlinale

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Definiere Film. Hm. Wir bezeichnen uns als Filmfans, vielleicht sogar als Cineasten, die einen Großteil ihrer Zeit in dunklen Kinosälen zubringen und die Arbeiten unzähliger Regisseure gesehen haben. Und wenn wir dann den einfachen Begriff sauber definieren sollen, kommen wir plötzlich doch ganz schnell ins Stocken. Zu fließend erscheint oft der Übergang zu anderen Medien oder Kunstformen. Einigen können wir uns aber doch in den meisten Fällen darauf, dass der Film eine Abfolge bewegter Bilder ist, also vorrangig ein visuelles Medium. Wir sind schnell dabei, wenn es darum geht, Filmemacher dafür zu kritisieren, dass sie zu viele Informationen in Dialogen verpacken, statt dem charakteristischen Kern ihres Mediums zu vertrauen: dem Bild.

Aber wie, diese Frage stellt sich gezwungenermaßen, drehe ich dann einen Film, der dem Publikum die Lebenswelt eines Blinden näherbringen will? Eines Menschen, der sich eben nicht auf Bilder und visuelle Reize verlassen kann, um die Welt zu erfahren. Vor dieser Herausforderung steht der Regisseur Daniel Ribeiro mit seinem Film The Way He Looks (Hoje eu Quero Voltar Sozinho). Leonardo (Fabio Audi) und Giovana (Tess Amorim) gehen darin in die gleiche Klasse und pflegen eine enge Freundschaft, wie sie unter Teenagern eben üblich ist. Sie lachen gemeinsam, tauschen sich über ihre Nöte aus, beschweren sich über ihre Eltern und setzen sich gegen die vielen Idioten an ihrer Schule durch. Aber Giovana bringt Leo auch jeden Tag nach Hause und schließt ihm das Gartentor auf, denn Leo ist seit seiner Geburt blind. Im Alltag kommt er trotzdem gut zurecht. Vielmehr machen ihm seine übervorsichtigen Eltern zu schaffen, die ihn nicht einmal einen Nachmittag über allein zuhause lassen wollen. Wie soll er ihnen da nur beibringen, dass er am liebsten mit einem Austauschprogramm in die USA fahren würde? Giovana ist Leos Fels in der Brandung, aber dann kommt ein Neuer in die Klasse. Gabriel (Ghilherme Lobo) wird schnell zum Schwarm der Klasse, eine besonders enge Verbundenheit entwickelt er aber zu Leo. Das obligatorische Zweiergespann entwickelt sich plötzlich zu einem Dreieck, und so stellen sich bald Eifersüchteleien ein. Aber auch Gefühle, die sich Leo zuvor nie hatte träumen lassen.

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Würden die Protagonisten in The Way He Looks nicht Portugiesisch sprechen, entstünde rein inszenatorisch wohl schnell der Eindruck, es handele sich bei dem Film um eine US-amerikanische Independent-Produktion. Daniel Ribeiro erzählt seine Coming of Age-Geschichte ohne große Spezialeffekte, dafür mit natürlichem Licht, beweglicher Kamera und reichlich Schärfentiefe. Statt exotisierenden Sambarhythmen, an die wir bei Brasilien wohl als erstes denken würden, bekommen wir klassische Werke von Bach und Beethoven, aber auch englischsprachigen Indiepop à la Belle and Sebastian auf die Ohren. „I feel like dancing on my own“, singt da die Band und wir möchten uns am liebsten mit auf das Fahrrad schwingen, mit dem Leo und Gabriel durch die nächtlichen Straßen São Paulos brausen.

Aber wie schon angedeutet: bedingt durch die Thematik ist die Optik dieses Films bei Weitem nicht das Entscheidende. Um sich im Alltag zurechtzufinden, verfügt Leo über eine ganze Reihe cleverer Helferchen. Sein Handy klingelt mit einer ausgewählten Melodie für jede einzelne Person, auf seinem Platz in der Schule steht eine Art Schreibmaschine für Blindenschrift – und natürlich läuft bei ihm vieles über Berührungen und Beschreibungen. Im Kino erklärt Gabriel seinem Freund ganz genau, was gerade auf der Leinwand passiert. Schwieriger wird es schon, als die beiden nachts heimlich ausreißen, um eine Mondfinsternis anzusehen. Gabriel lässt Leo ein improvisiertes Modell aus Steinen befühlen, um ihm zu erklären, wie der Mond unvermittelt aus dem Blickfeld der Erde verschwindet. Aber neben diesen erzählerischen Möglichkeiten findet der Regisseur auch passende stilistische Mittel, um The Way He Looks zu einem mit allen Sinnen erfahrbaren Film zu machen. Wiederkehrende musikalische Motive deuten dann zum Beispiel Gefühlszustände an oder die Kamera fährt ganz nah an die Figuren heran. Plötzlich wird ihr Atem hörbar und die Textur ihrer Kleidung so detailliert sichtbar, dass wir meinen, den Stoff selbst unter den Fingern zu spüren.

Die Nähe zu den Figuren, die besondere Perspektive ist so ansteckend, dass sogar Standardszenen plötzlich in einem neuen Licht erscheinen. In jedem Coming of Age-Film ist eine Partyszene unvermeidlich, und es ist auch nicht ungewöhnlich, dass der Protagonist dabei herzlich wenig mit seiner Umgebung und den fröhlich aufgelegten Mitmenschen anfangen kann. Hier haben wir es aber nicht einfach nur mit einem übellaunigen Teenager zu tun, sondern versuchen uns, sensibilisiert durch die sinnliche Machart des Films, in den Protagonisten ganz neu einzufühlen. Und bei allen kleinen Katastrophen, die Leo, Giovana und Gabriel so durchleben müssen, überträgt sich ihre Sicht auf die Dinge, ihre Lebenslust auf uns – ganz so, als hätten wir bei der gemeinsamen Radtour doch den nächtlichen Sommerwind São Paulos auf unseren eigenen Gesichtern gespürt. The Way He Looks ist der reinste Feel-Good-Movie. Schon deshalb ist er auf der Berlinale etwas ganz Besonderes.

The Way He Looks auf der offiziellen Berlinale-Website

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