The Wolf of Wall Street – Eine Oscarbühne

by on 12/21/2013
© Universal

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Kürzlich wurde Leonardo DiCaprio für seinen Part in The Wolf of Wall Street für den Golden Globe nominiert. Und wie wir wissen, ist so ein Golden Globe quasi die Vorstufe für den Oscar. Ich würde es Leo durchaus gönnen, hat er die begehrteste Trophäe Hollywoods doch schon lange verdient. Irgendwie jedoch hinterlässt The Wolf of Wall Street bei mir das Gefühl, Martin Scorsese hätte seinem Lieblingsschauspieler hier bewusst einen Part auf den Leib geschrieben, in dem er noch einmal zeigen kann, was er drauf hat. Eine Oscar-Rolle sozusagen. Aber halt! Geschrieben hat das Skript ja Terence Winter und den zu Grunde liegenden autobiographischen Roman Jordan Belfort. Und doch: Irgendwie ist The Wolf of Wall Street eine auffällig perfekte Bühne für Leonardo DiCaprio.

Es mag ein wenig ungünstig sein, dass The Wolf of Wall Street sich in Leos Filmographie an The Great Gatsby reiht. DiCaprio als schwerreichen und nur bedingt liebenswerten Filmhelden haben wir vor kurzem schon einmal gesehen. Auch Wolf Jordan Belfort ist – wenn auch kein Hochstapler – so doch ein zwielichtiger Kerl, der sein Vermögen in erster Linie auf Kosten anderer erwirbt und dessen illegale Machenschaften ihm selbstredend irgendwann zum Verhältnis werden. So überzeugend Leonardo DiCpario Jordan Belfort auch verkörpert, so sehr beschlich mich das Gefühl, ähnliches erst kürzlich schon einmal gesehen zu haben.

Und nicht nur das! Leonardo DiCaprio greift noch einmal auf das körperliche Schauspiel zurück, das ihm für seine Rolle des behinderten Arnie in Gilbert Grape schon eine Oscar-Nominierung eingebracht hat und zeigt uns damit, dass er nicht nur ein Typ-, sondern ein Charakterdarsteller ist, der seinen Körper als Werkzeug seiner Zunft zu beherrschen weiß. Das ist eindrucksvoll und doch erinnern seine hier im Drogenrausch verkrampften Gliedmaßen auf merkwürdige Weise an den Spasmus des Arnie Grape. Leo dann auch noch auf ein sinkendes Schiff zu stellen, ist schon fast ein ironisches Zitat seiner Schauspielbiographie. Zum Glück erspart uns Martin Scorsese den Shakespeare’schen Herzschmerz, der diese filmische Werkschau komplettiert hätte.

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Leonardo DiCaprio kann in The Wolf of Wall Street also Vieles zeigen. Nur eines nicht: leise Töne. Denn eines ist The Wolf of Wall Street ganz bestimmt nicht: leise. Jordan Belforts exzentrische Unternehmensführung, der Hang zum Exzess, der sich primär in Drogen- und Nuttenorgien niederschlägt, sind zwar weniger prunkvoll als Gatsbys Partys, jedoch ebenso mächtig und übertrieben. Ständig wird geschrien, Belfort hält emphatische Motivationsreden vor seinen Angestellten und DiCaprio verzieht sein Gesicht zu immer neuen clownesken Grimassen. The Wolf of Wall Street erinnert mit seinen ins Komödiantische überzogenen Drogengelagen und der Omnipräsenz halbnackter, gerne auch mal ganz nackter, Frauen ein wenig an Party-Klamotten wie Hangover. Natürlich mit mehr Anspruch. Und mehr Story!

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Immerhin ist The Wolf of Wall Street stolze drei Stunden lang. Überraschenderweise merkt man das gar nicht. Obwohl das Skript von Terence Winter auf die traditionelle Dreiaktstruktur mit klar und linear strukturiertem Aufstieg und Fall des Helden verzichtet, wird seine Geschichte niemals langweilig. Dies ist mit Sicherheit auch dem großartigen Cast zuzuschreiben. Leonardo DiCaprio trägt den Film souverän mit der ihm eigenen Energie und Jonah Hill nutzt sein komödiantisches Talent, um uns eine Figur zu präsentieren, die wir zwar schreiend komisch finden, jedoch niemals verlachen. Der Star des Films bleibt jedoch Randfigur Matthew McConaughey, der in seinem leider viel zu kurzen Auftritt Leonardo DiCaprio gnadenlos an die Wand spielt.

Aber kommen wir zurück zum Drehbuch, das nicht nur dramaturgisch gelungen ist, sondern auch mit ausgezeichneten Dialogen überzeugen kann. Scheinbar triviale Diskussionen werden über mehrere Minuten ausgedehnt und von den Schauspielern gekonnt mit Witz gefüllt. Das ist fast schon Tarantino’esque und weit entfernt von der platten Unterhaltung, die ich zuvor mit Hangover fälschlicherweise angedeutet habe. The Wolf of Wall Street ist ein Film, über den man lachen soll, der sich aber niemals unter Wert verkauft, um das zu erreichen.

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Nichtdestotrotz blieb mir das Lachen ein ums andere Mal im Halse stecken. Zu Gunsten ihres Exzesses verzichten Jordan Belfort und seine Kollegen großzügig auf moralische Bedenken, veranstalten Zielwerfen mit Kleinwüchsigen oder geben im Großraumbüro eine Runde Nutten aus. Frauen dienen in The Wolf of Wall Street ohnehin nur als Kokstablett und Sexobjekt. Zur Geschichte haben sie neben ihrem Körper wenig beizutragen. Es gibt zwar eine weibliche Brokerin in Belforts Büro, doch dient diese trotz ihres beruflichen Erfolgs im Grunde auch nur als Schmuck des Chefs, der sich durch seine Großzügigkeit ihr gegenüber maßlos selbst beweihräuchert und damit seinen Zuhörern (vielleicht auch dem einen oder anderen Kinozuschauer) wahrhaftig noch ein paar Tränchen abluchst. So überzogen all dies auch sein mag, ich kann nicht ganz darüber hinwegsehen, dass The Wolf of Wall Street eine sexistische Männerdomäne feiert, die nicht müde wird, den Körper der Frauen zu benutzen und zu normieren. Große Brüste, blankrasierte Genitalien, blond und willig – so hat das Weib zu sein. Selbst wenn  es sich dabei nur um eine wahrheitsgetreue Darstellung von Belforts Weltanschauung handelt, hätte ein wenig mehr kritische Distanz zu diesen sexistischen Bildern wahrlich nicht geschadet. Auch die wiederholte Zurschaustellung des nackten weiblichen Körpers, während zur Verdeckung männlicher Genitalien gar ein Continuity-Fehler riskiert wird, ist einfach ärgerlich!

Ich bin mehr als gespannt, wie das Publikum auf Scorseses jüngsten Streichen reagieren wird. Manche werden ihn lieben und feiern, andere werden ihn als bedeutungslos abtun. Zumindest unter den Kritikerkollegen war diese Spaltung der Gemüter schon wenige Minuten nach der Vorstellung deutlich zu spüren.

Mit The Wolf of Wall Street ist es ein bisschen so wie mit seinem Hauptdarsteller. Der Film zeigt uns wenig Neues, so wie auch Leonardo DiCpario im Grunde nur alte Rollen neu kombiniert. Trotzdem sind sowohl der Film als auch DiCaprios Schauspiel nicht einfach nur gelungen, sondern vor allem ein Zeichen großen Könnens. Ob das für einen Oscar reicht, bleibt abzuwarten.

Kinostart: 16. Januar 2014

Pressespiegel bei film-zeit.de

Vier Filme, für die Leonardo DiCaprio einen Oscar verdient hätte:

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