This Ain’t California

by on 08/21/2012

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Die folgende Kritik zu This Ain’t California erschien vor einem halben Jahr ursprünglich auf meinem Festivalblog SophiesBerlinale. Einige Monate später erfuhr ich, dass es sich gar nicht wie von mir angenommen um eine „echte“ Dokumentation handelte. Im Hinblick auf den diesbezüglichen Artikel auf Spiegel Online ist es mir im Nachhinein geradezu peinlich, dies nicht bemerkt zu haben. Dennoch möchte ich anlässlich des deutschen Kinostarts meine Kritik an dieser Stelle noch einmal vorstellen. Ob die Tatsache, dass es sich in einem nicht ganz geklärten Umfang um ein Fake handelt, der Qualität des Films schadet, könnt Ihr selbst entscheiden.

© farbfilm-verleih

„Wir hatten ja nix“, sagt ein guter Freund von mir gerne über seine Kindheit in der DDR. Das ist natürlich eher ein Running Gag als alles andere. Wie This Ain’t California zeigt, gab es in der DDR mehr als ich dachte, zum Beispiel eine Skateboard-Szene.

 

Regisseur Marten Persiel hat seinen Dokumentarfilm zu großen Teilen aus angeblichen Privatvideos echter „Ost-Skater“ zusammengesetzt und erzählt anhand persönlicher Schicksale die Geschichte einer Szene, von der ich bislang nichts geahnt habe. Die drei Jungs, die im Zentrum des Films stehen, haben sich ihre ersten Bretter noch selbst gebastelt, später durch Westgeschenke ersetzt und sind in ihrem Land zu echten Stars herangewachsen. Panik, wie die Hauptfigur dieses Films von seinen Freunden genannt wird, ist vergangenes Jahr in Afghanistan gefallen. This Ain’t California will nicht nur der verstorbenen Szene, sondern auch ihm gedenken.

 

Manchmal ist vielleicht etwas zu viel Pathos dabei, wenn das Voice Over von den legendären Aktionen der Skater aus Ostberlin berichtet. Doch die meiste Zeit kann der augenzwinkernde Tonus des Films ausgezeichnet unterhalten. Durch die starke persönliche Note geht das Werk über eines Skaterfilms hinaus und wird zu einem Portrait eines besonderen Menschen, über den wir am Ende ebenso trauern wie seine Freunde auf der Leinwand.

 

This Ain’t California ist genauso wenig politisch wie seine Protagonisten. Ostalgie sucht man hier ebenso vergeblich wie Systemkritik, dennoch wird mit den absurden Seiten der DDR nicht hinterm Berg gehalten. Lachen ist erlaubt. Ein fetziger Soundtrack komplettiert das Ganze zu einem echten Unterhaltungsfilm. Aber auch der Informationsgehalt ist nicht zu unterschätzen. Nicht nur, dass wir etwas über die Skater-Szene lernen, wir bekommen auch einen besonderen Einblick in die ostdeutsche Jugendkultur vor der Wende. Dabei können wir auch mit verfolgen, wie die jungen Männer nach und nach die Grenzen des Systems entdecken, auskundschaften und herausfordern.

 

Panik wird in meinen Augen etwas zu stark als Held inszeniert. Gerade gegen Ende stößt mir das Pathos negativ auf. Dennoch schafft es Marten Persiel, mich für seine Figuren einzunehmen. Am liebsten will ich mich sofort mit ihnen bei einem Bier zusammensetzen und mir die ganzen abgefahrenen Geschichten noch einmal persönlich erzählen lassen.

 

Die Stimmung im Saal ist großartig. Das Filmteam ist da und hat eine große Fangemeinde mitgebracht, die häufig für Zwischenapplaus sorgen. Auch ich habe am Ende eifrig geklatscht. Die Mischung aus Archivmaterial aus der DDR, den Privatvideos der Skater, animierten Sequenzen und den Interviews mit den inzwischen erwachsenen Protagonisten bilden zusammen ein rundes Ergebnis. This Ain’t California ist in meinen Augen ein bemerkenswerter, weil mutiger Film. Er will nicht nur eine bislang fast unbekannte Facette des Lebens in der DDR darstellen, sondern auch die Geschichte einzelner Menschen erzählen, die hier bereitwillig Rede und Antwort stehen.

 

Absolut empfehlenswert für alle, die bei dem Wort DDR nur an Pioniere und Betonwüsten denken. Absolut empfehlenswert für alle, die meinen, der Skateboard-Sport sei untrennbar mit den USA verknüpft. Absolut empfehlenswert für alle, die sich unterhalten, informieren und bewegen lassen wollen. Also eigentlich für jeden!

 

KINOSTART: 16. August 2012

 

2 Responses to “This Ain’t California”

  • ben
    ben says:

    Dem würde ich mich voll und ganz anschließen. Eigentlich ist dieser Doku-(Fake)-Film absolut empfehlenswert für alle. Denn er hat eine schöne Story, vermeintlich authentische Bilder und viel Herz. Nach der Berlinale kam ich für kurze Zeit aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. Im Nachhinein, also jetzt, da ich weiß, dass viel konstruiert, nachgestellt und erfunden ist, bin ich allerdings enttäuscht. Enttäuscht darüber, dass mich gerade diese (nicht echte) Authentizität am meisten berührt hat und dieses Gefühl jetzt irgendwie kaputt ist. Ich fühle mich tatsächlich ein wenig betrogen. Und das ist schade.
    Vielleicht kann der Film trotzdem begeistern, auch wenn der Zuschauer weiß, dass viele Szenen nicht „echt“ sind. Dennoch entsteht durch diese Tatsache für das Publikum ein ganz anderer Bezug zum Film und zur Geschichte über Denis. Und gerade weil Marten Persiel offen lässt, was Fiktion und was Realität ist bzw. war, fühle ich mich jetzt ein bißchen verarscht…

  • Nils says:

    Ich habe den Film erst kürzlich gesehen und war mir der Diskussion um den Wahrheitsgehalt bewusst, was mir den Film in keiner Weise verdorben hat und zwar vor allem deshalb, weil ich eine Authentizität in der Geschichte erkenne die sich sehr mit meinen Jugenderfahrungen deckt. Ich werde den Film sicher noch mehrmals anschauen (für die die es interessiert https://itunes.apple.com/de/movie/this-aint-california/id641904649), denn wie schon erwähnt wurde, er ist wirklich empfehlenswert.

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