Toni Erdmann – Rollenspiel zwischen Vater und Tochter

by on 07/13/2016

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© NFP/Filmwelt

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Zwei Stürme fegten dieses Jahr über Cannes hinweg. Der eine sorgte dafür, das Videopodcaster und Schauspielerinnen im Fotocall sich ständig die Haare aus dem Gesicht wischen mussten. Der andere hieß Toni Erdmann und brachte völlig unerwartet den deutschen Film auf der internationalen Bühne zurück ins Gespräch. Es ist nicht so, als sei Maren Ade vorher ein völlig unbeleckter Name gewesen. Nach Der Wald vor lauter Bäumen und Alle Anderen erwartete von ihr wohl niemand einen echten Reinfall. Aber mit mehrfachem Szenenapplaus während der Pressescreenings, Höchstwertungen im Kritikerspiegel und derartig begeisterten Töne aus allen Lagern hatte wohl kaum jemand gerechnet.

In Cannes sieht man Filme anders als zuhause. Anders sogar als auf anderen Festivals. Alles scheint mit ungeheurer Bedeutung aufgeladen, von der ersten Einlasskontrolle des Tages über den Mittagskaffee bis hin zu den Kritiken der Kollegen, die man noch schnell vorm Schlafengehen scannt. Für die Filme gilt das umso mehr. Und bevor irgendwann auf der Hälfte der zweiten Woche die große Erschöpfung hereinbricht, befindet man sich während der ersten Festivaltage in einer Art Zustand der Hypersensibilität. Mittelgute Filme erscheinen als große Ärgernisse, die paar Mainstreamkomödien außerhalb des Wettbewerbs sind plötzlich eine bezaubernde Erfrischung und vor allem die guten Momente sind wie magisch verstärkt. Es ist kein Wunder, dass Cannes im Angesicht Toni Erdmanns ganz aus dem Häuschen geriet. Der Film muss wie die Leinwand eines minimalistischen Malers gewirkt haben, auf der jeder noch so dünne Pinselstrich mit umso intensiverer Leuchtkraft hervortritt.

Beinahe drei Stunden läuft der Film – genügend Zeit, um so etwas wie eine persönliche Bindung zur dargestellten Welt aufzubauen. Er ist unterhaltsame und perfekt getimte Komödie genug, um diese drei Stunden kaum bewusst mithilfe der inneren Uhr zu messen. Aber trägt auch genügend politischen Subtext mit sich, um den Repräsentationsfanatikern nicht zu banal zu erscheinen. Er erzählt ruhig und gemächlich, ohne dabei allzu sehr Konzentration fordernde Spannungsbögen zu beschreiben. Stellt aber Figuren in den Mittelpunkt, die so exzentrisch und unverwechselbar sind, dass sie wie von selbst in eine absurde Situation nach der anderen stolpern. Getriggert wird beim Zuschauer eine Mischung aus Neugier und Sensationslust, Empathie und Sinnsuche – perfekt für das aufgewühlte Cannes-Publikum, das zugleich gewiegt und wund gekratzt werden will. Empfehlenswert auch für jedes andere Publikum, wenn Toni Erdmann an einem x-beliebigen Nachmittag in einem x-beliebigen Kino auch nicht die gleiche Durchschlagkraft zu entfalten vermag wie an der Croisette.

© NFP/Filmwelt

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Wer also ist dieser Toni Erdmann? Das ist nicht ganz so leicht zu beantworten. Toni Erdmann ist nämlich genau genommen nur eine Kunstfigur, die Rolle einer Rolle. Peter Simonischek spielt Winfried Conradi, einen Vater, der den Draht zu seiner Tochter Ines (Sandra Hüller) verloren hat. Die treibt sich als Unternehmensberaterin in Bukarest herum, die nächste Station Shanghai schon im Kopf, ständig im Büro und wenn nicht, dann am Telefon. Sie ist hart geworden. Und weil sie bei einer kurzen Familienzusammenkunft den Fehler macht, ihrem Vater vorzuschlagen, er solle sie doch mal besuchen kommen, nimmt er sie beim Wort und steht eines Tages unangemeldet vor der Tür. „Du, wie lange willst’n du eigentlich bleiben?“ fragt Ines ihn mit Panik in den Augen. Denn Vati hat auch sein falsches Gebiss mitgebracht, eine Perücke und ein Furzkissen. Und taucht damit sogar auf der Arbeit auf.

Maren Ade inszeniert diesen familiären Figurenschach auf die originellste und amüsanteste Weise, als Mensch, Ärgere Dich Nicht mit ein wenig Monopoly im Hintergrund und vor allem der großen, dräuenden Frage: Wahrheit oder Pflicht? Tonis Kapriolen steigern sich ins immer Abstrusere und irgendwann – und es ist auch der Einzigartigkeit und dem stoischen Gesicht Sandra Hüllers zu verdanken, dass diese Entwicklung so organisch verläuft wie sie verläuft – lässt sich Ines darauf ein. Spielt das Spielchen mit.

In diesen Momenten ist Toni Erdmann vor allem ein Film über Rollen und die damit verknüpften Erwartungen, das Sicherheitsgefühl in eng abgesteckten Grenzen, aber auch das stets drohende Gefühl der Enge. Mit ihrem Vater Winfried kann Ines nicht umgehen. Weil er aus der Rolle fällt, eben kein normaler Vater gehobenen Alters ist, der sich noch ein bisschen um seine Rabatten kümmert und seine Tochter einfach machen lässt. In den Momenten, in denen er sich das Gebiss in den Mund steckt und zu Toni wird, spielt er eine Rolle. Sie ist nicht weniger unkonventionell, aber Ines weiß, worauf sie sich einstellen muss. Kann entscheiden mitzuspielen oder eben nicht. Muss vielleicht sogar entscheiden mitzuspielen. Das kann sie, sie hat es in ihren Jahren in Bukarest gelernt. Und selbst in den Momenten, in denen es so aussieht, als befreie sie sich, übernimmt sie doch nur selbst die Regie in ihren eigenen Planspielen.

Kinostart: 14. Juli 2016

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