The Tribe – Ohne Worte

by on 12/09/2014
© Ukrainian State Film Agency

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Ohne Worte? Ist es nicht ein Paradox, eine Filmkritik mit dem Untertitel „Ohne Worte“ zu versehen? Vielleicht. Und dennoch ist das die treffendste Überschrift, die mir zu Miroslav Slaboshpitskys erstaunlichem Spielfilm in den Sinn kommt. Denn The Tribe funktioniert tatsächlich ohne Worte, zumindest für mich.

Eigentlich tue ich Slaboshpitsky Unrecht, so denke ich, wenn ich meine Besprechung seines Films mit Gedanken zum Thema Gehörlosigkeit und Gebärdensprache beginne, denn es ist gerade die fehlende Thematisierung dieser Behinderung, die The Tribe so besonders macht. Die Gehörlosigkeit der Figuren ist nicht das Thema, sondern lediglich das Setting des Films und befreit damit Menschen mit eben jener Einschränkung von ihrer Sonderrolle: Gehörlose müssen nicht immer Gehörlose spielen, also Figuren die ausschließlich durch ihre Behinderung charakterisiert sind. Sie können auch Rabauken, Zuhälter, Nutten und junge Männer in Adoleszenskrisen verkörpern. Wenn man sie lässt.

Aber ich kann nicht anders. Trotz all den bemerkenswerten Details seiner Inszenierung, sind es für mich als hörende Person doch die Stille des Films und die daraus resultierenden Verständnisprobleme, die mir als erstes in den Sinn kommen. Slaboshpitsky erzählt seine Geschichte ausschließlich mit Hilfe gehörloser Laiendarsteller_innen. Dem nicht-behinderten Zuschauer bietet er keine Unterstützung in Form von Untertiteln an. Was wir nicht verstehen, verstehen wir eben nicht. Dass es sich hier nicht um ein um politische Korrektheit bemühtes Experiment („Guck mal, wie das ist, wenn man nix hört!“), sondern um ein künstlerisches Konzept handelt, zeigt schon die Informationstafel zu Beginn des Films, die dem hörenden Zuschauer frei von jeglicher Moralisierung aber doch unmissverständlich mitteilt, dass er im folgenden Film nichts zu hören zu bekommt.

Erstaunlich ist, dass wir eigentlich gar keine Wörter brauchen, um der Geschichte folgen zu können. Vielleicht liegt es an der gelungenen Dramaturgie, an den überzeugenden Darstellern oder den ausladenden Gesten der Schauspieler_innen, vielleicht aber auch daran, dass wir tatsächlich viel weniger Wörter und Sprache benötigen als wir denken. Es stört auch nicht im Geringsten, dass wir keine der Figuren beim Namen kennen. Wir verstehen, dass ein junger Mann in einem Internat Teil einer streng hierarchisch organisierten Bande wird. Wir verstehen, dass er im Grunde ein zartes Gemüt ist und wir ahnen, dass er den harten Regeln dieser Gemeinschaft nicht gewachsen ist. Wir erkennen frühzeitig, dass er sich in eines der jungen Mädchen verliebt, das von der Bande zur Prostitution gezwungen wird. Und wir können uns denken, dass diese Liebe schließlich zur Eskalation führen wird. Zu all dem braucht es keine Worte.

© Ukrainian State Film Agency

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Die Bilder reichen aus, denn Miroslav Slaboshpitsky weiß was er tut. Er arbeitet mit langen, ungeschnittenen Einstellungen und eindrucksvollen Tableaus, die mich – wenn auch nur selten – an Ulrich Seidl erinnerten. Dabei werden alle Situationen gnadenlos ausgespielt, unabhängig davon, ob es sich um eine Prügelei, eine Sexszene oder eine ohne Narkose durchgeführte Abtreibung handelt. Slaboshpitsky fordert seine Zuschauer_innen gleich mehrfach heraus. Nicht nur, dass wir mit einem Film konfrontiert sind, dessen Sprache wir nicht beherrschen, dass wir raten und mutmaßen müssen, um die Handlung zu verfolgen. Wir werden emotional auf eine harte Probe gestellt, wenn wir den Qualen der Hinterzimmer-Abtreibung beiwohnen. Und so mancher Zuschauer fühlt sich auch durch die repetitiv wirkenden, langgezogenen Dialogszenen strapaziert. Ja, The Tribe ist strapaziös. Daran besteht kein Zweifel. Doch in der Ruhe liegt die Kraft. Die Intensität dieses Films kann nur durch seine Langsamkeit, durch seine doppelte Ruhe entstehen, eine Ruhe, die nicht nur akustisch, sondern auch inszenatorisch eine Rolle spielt. Nur wenn Slaboshpitsky uns minutenlangen Dialogen aussetzt, kann er uns ein Gefühl davon vermitteln, wie es ist, von dieser Kommunikation ausgeschlossen zu sein. Und nur durch die gnadenlos ausgespielten Alltagssituationen entsteht eben jene Anspannung und „Un-Ruhe“, die den dramaturgischen Motor des Konzepts bilden. Wir warten darauf, dass endlich wieder etwas Visuelles passieren möge, dass wir auch ohne Kenntnis der Gebärdensprache „verstehen“ können, aber wenn es dann passiert, wenn die Gewalt brachial in die bisherige Ruhe hineinbricht, müssen wir erkennen, dass wir all das eigentlich doch nicht sehen wollen. Und an dem Punkt, an dem wir es kaum noch ertragen können, schließt sich endlich die Tür. Ende.

The Tribe räumt einen Preis nach dem anderen ab. Zu Recht wie ich finde. Nicht nur wegen des Mutes dieser Inszenierung oder ihrer auffällig professionellen Ausführung, der grandiosen Kameraarbeit und des überragenden Timings der Plansequenzen. Sondern auch, weil ich es genieße, mal wieder etwas ganz Neues, etwas Frisches zu entdecken. Miroslav Slaboshpitsky bereichert das Medium Film mit einer neuen Idee, hebt die visuelle Narration, den „Stummfilm“, mit dem spätestens seit The Artist wieder verstärkt experimentiert wird, auf eine ganz neue Ebene. Gleichzeitig macht er eine vor allem im Kino marginalisierte Bevölkerungsgruppe sichtbar und sensibilisiert für ihre Erfahrungswelt. Und er erzählt von Armut und Not in seinem Heimatland.

Ein bisschen mehr Hoffnung wäre dennoch schön gewesen. Das traurige Gesicht der männlichen Hauptfigur verrät zu früh, dass diese Geschichte sich unaufhaltsam abwärts schrauben wird. Insbesondere die ungewollte Schwangerschaft und schmerzvolle Abtreibung erscheinen zu sehr als konstruiertes Drama, einzig und allein darauf erpicht, den Zuschauer emotional in die Mangel zu nehmen. Miroslav Slaboshpitsky schenkt uns kein Licht am Ende des Tunnels, kein Wort des Trostes und hinterlässt uns damit am Ende nicht nur deprimiert, sondern vor allem sprachlos. Ohne Worte.

Kinostart: 15. Oktober 2015

https://www.youtube.com/watch?v=bpLj9WYBK_c

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