Ultimate Spider-Man und die Tücken der Marvel Zeichentrickserien

by on 06/08/2013

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© Disney XD/Marvel

© Disney XD/Marvel

Vor kurzem habe ich die Gelegenheit bekommen, eine Kritik zu der neuen Spider-Man – Zeichentrickserie Ultimate Spider-Man (Der Ultimative Spider-Man) zu schreiben. Nun, das hier ist filmosophie.com und nicht seriensophie.com und ehrlich gesagt passt zu dieser Serie auch eher ein allgemeiner Thementext. Denn Marvel (Spider-Man, Iron Man, Thor etc.) glänzt mit seinen ineinander verwobenen Hollywood-Blockbustern, muss aber immer noch neidisch auf das (inzwischen auch welkende) animierte Universum des Konkurrenten DC (Superman, Batman, Wonder Woman) schauen. Ultimate Spider-Man ist ein weiterer Versuch des Comic-Giganten, im Fernsehen ebenfalls anzukommen und verliert sich viel zu oft in Spielzeugmarketing und Pseudo-Animeesquer Eigenartigkeit, anstatt in guten Plots. Lasst uns das in meiner seltenen Kolumne ComiCinema zum Anlass nehmen, ein wenig über die animierten Welten der „Big Two“ zu meditieren. Denn was kann es Schöneres geben?

Die Serie die das Cape-Fernsehen revolutionierte

Am fünften September 1992 lief die erste Folge von Batman – The Animated Series über die amerikanischen Mattscheiben und ließ einige Münder in quasireligiöser Bewunderung offen stehen (mein Mund stand allerdings erst ein halbes Jahrzehnt später offen). Was Tim Burton für den Dunklen Ritter im Kino tat, das tat Bruce Timm für den Caped Crusader im Fernsehen – mit Batman – The Animated Series: Die Serie zeigte einer größeren Öffentlichkeit, dass Superhelden nicht ausschließlich zu simplem Kinder-Amusement dienen können. Sie zeigte auch, dass Zeichentrickserien (und Comics) an sich ernste Töne anschlagen können. Drama. Intelligente, mehrere Episoden umfassende Geschichten. Exzellente Animation. Exzellente Synchronsprecher (Kevin Conroy und Mark Hamill ftw) und ein überexzellenter Soundtrack. Bruce Timm, Paul Dini und Co. vertrauten dem Medium und legten den Grundstein für ein animiertes Universum, das Serien wie Superman – The Animated Series, Justice League, Static Shock, Green Lantern – The Animated Series und Justice League Unlimited hervorbrachte. Und sie sind alle gut.

Hach, das waren noch Zeiten ... © Warner Bros./DC

Hach, das waren noch Zeiten … © Warner Bros./DC

Batman – The Animated Series war der magische Lichtblitz, der das DC Animated Universe ins Leben rief. Nun, dasselbe müsste doch auch mit Marvels Flaggschiff Spider-Man klappen, oder? Die vorläufige Antwort darauf war in den Neunzigern: Ja. Spider-Man (die Zeichentrickserie) schaffte es, sich ein eigenes kleines Helden-und-Schurken-Universum aufzubauen und seine Netzflüssigkeit auch in mein Herz zu schießen. Die Serie war ein guter Start und stellte zusammen mit X-Men, Silver Surfer und Iron Man den populären Marvel-Pantheon der Neunziger. Sie teilten sich  in einigen Fällen eine Continuity (also denselben Hintergrund), waren zwar ein gutes Beispiel für das typische EXTREEMEEEE der Neunziger-Superhelden, aber letztendlich unterhaltsam und oft intelligent geplottet.

Viel Material, wenige Verbindungen

Das Marvel Zeichentrickuniversum der Neunziger hörte mit diesen allerdings auf zu existieren. Was danach kam, ist eine Vielzahl von Serien: Spider-Man Unlimited, Spider-Man: The New Animated Series, X-Men: Evolution, Black Panther, Iron Man: Armoured Adventures, Spectacular Spider-Man, und Avengers Assemble. Der Name Spider-Man ist seit Anfang des Jahrtausends oft in Zeichentrickform wiedergekehrt, oft in stark unterschiedlichen Formen. Spider-Man: The New Animated Series ist eine lose Weiterführung der Filme von Sam Raimi, richtet sich an Erwachsene (Sex und Mord sind wiederkehrende Themen), ist mit relativ aufwändigem CGI hergestellt, von Kritikern hochgelobt und dank schlechter Quoten nach einer Staffel abgesetzt worden. Spectacular Spider-Man basiert zum Teil auf den Ultimate Spider-Man Comics, mit denen Marvel seit Anfang 2000 ein rebootetes Paralleluniversum an „Ultimate“ Titeln aufbaute, um neue Leser anzulocken. Mit teils hochwertigen Geschichten, gerade im Falle Spider-Man und diese Hochwertigkeit wurde auch in Spectacular Spider-Man transplantiert. Die Serie hielt zwei Staffeln. Bemerkt ihr das Muster? Dasselbe gilt für die von Kritikern geliebte Serie Wolverine and the X-Men und die ebenfalls beliebte, erst kürzlich abgesetzte Serie Avengers: Earth’s Mightiest Heroes.

Oh ... ok ... © Disney XD/Marvel

Oh … ok … © Disney XD/Marvel

Marvel hat es nie so ganz geschafft, den Konkurrenten DC im Zeichentricksektor einzuholen und sich ein eigenes, vernetztes Zeichentrickuniversum aufzubauen. Das liegt vor allem daran, dass keine Risiken mehr eingegangen werden. Der Ultimative Spider-Man ist sozusagen der Punkt, an dem sich dieser Kreis nun schließt. Die Serie richtet sich zugegebenermaßen an ein wesentlich jüngeres Publikum. Doch der Fokus auf Gadgets und Gimmicks, wie das Lachmuskel ausreizende Spider-Bike, verrät die wahre Intention der Serie: Den Verkauf von Spielzeug. Das ist an und für sich nichts Schlimmes, wenn daneben auch höherwertige Unterhaltung geboten wird. Das ist der größte Kritikpunkt an Der Ultimative Spider-Man. Die Serie nimmt an, dass Kinder ausschließlich hibbeligen, von Cutaway-Gags (à la Family Guy), Slapstick, Cartoon-Soundeffekten und Action geprägten Humor mögen. Peter Parker ist kein Wissenschaftsnerd mehr, sondern ein hyperaktiver (ehrlich gesagt furchtbar nerviger) Teenager, der sich bei jeder Kleinigkeit an den Zuschauer richtet und wenig schlagfertig Kommentare abgibt oder simple Situationen erklären muss, gesprochen im Original vom Nickelodeon-Star Drake Bell  (Drake &Josh). Marvel-Stars wie Nick Fury, Agent Coulson, Thor, Iron Man und Co., die schon aus den Filmen bekannt sind, genauso wie viele eher unbekannte Marvel-Superhelden (Nova, Tigress, Luke Cage, Iron Fist) kommen ebenfalls vor. Als Einführung in das Marvel-Universum mag dies funktionieren, aber die Plots der Serie sind bis auf einige etwas tiefergehende Folgen wie „Doom“ (dt. „Verdammnis“), „Strange Days“ (dt. „Dr. Strange“) oder die Venom-Trilogie absolut austauschbar.

Richtige Idee, mangelhafte Ausführung

An und für sich ist die grundlegende Idee von Ultimate Spider-Man nicht schlecht: Der junge Spider-Man tritt S.H.I.E.L.D bei, um sich dort ausbilden zu lassen und mit einem Team anderer jugendlicher Superhelden zusammenzuarbeiten. Wie in der von Kritikern und mir geliebten DC-Serie Young Justice (vor Kurzem nach zwei Staffeln abgesetzt) könnte dies in kürzester Zeit zu einem rasch expandierenden und interessanten Universum (und Spin-Off-Serien) führen und wie gesagt hat Ultimate Spider-Man durchaus seine Momente. Auch ein humoristischer Ansatz ist dabei prinzipiell nicht schlecht. So konnte die Serie Batman: Brave and the Bold sich ebenfalls bei einem großen Teil des DC-Heldenuniversums bedienen und mit dem aus Freakazoid, The Tick oder Animaniacs bekannten, klassischen und skurrilen Warner-Brothers-Humor sowie Anspielungen auf die 60er-Jahre Batman-Serie verbinden. Der Punkt ist, dass sich sowohl der Humor wie auch die Ernsthaftigkeit der Geschichten an Erwachsene und Kinder zugleich richteten. Diese beiden Zieldemographien unterscheiden sich nämlich gar nicht so sehr, sonst hätte Batman – The Animated Series (ebenfalls von Warner Brothers) von vornherein nicht funktioniert. Das ist das Paradoxe: Paul Dini, der wohl zweitgrößte Kopf hinter DCs Animated Universe (nach Bruce Timm), den Plots der Spiele Arkham Asylum und Arkham City wie auch eben jener ursprünglichen Batman-Serie, zeichnet sich als Consultant Producer für Der Ultimative Spider-Man verantwortlich, neben in der Comic-Szene riesengroßen Namen wie Jeph Loeb, Joe Quesada, Joe Kelly oder Brian Michael Bendis (von denen so mancher schon das ein oder andere Ding verbrochen hat, aber das ist eine andere Geschichte). Ist die Einbindung von Legenden wie Paul Dini in Kommerzgranaten wie Ultimate Spider-Man ein Zeichen für den Untergang der Kreativität?

Denn gleichzeitig werden Serien wie Young Justice und Green Lantern: The Animated Series (beide von Kritikern hochgelobt) abgesetzt, um Platz zu machen für Teen Titans Go!, einer Kiddie-Variante der ohnehin schon an Jüngere gerichteten Serie Teen Titans, und Beware the Batman, einer CGI-Serie die zuletzt dadurch auffiel, alle Schusswaffen durch harmlos aussehende Laser zu ersetzen. Bei Marvel ersetzt Ultimate Spider-Man zusammen mit Avengers Assemble (einem neuen Avengers-Cartoon) und Hulk and the Agents of S.M.A.S.H (einer Hulk Team-Serie, teils im Reality TV Stil) nun die erwähnten Avengers: Earth’s Mightiest Heroes und versucht sich so, ein eigenes, zwischen diesen Serien verflochtenes Universum aufzubauen. Mit dem jetzt schon eng verflochtenen DC Animated Universe des Bruce Timm nunmehr in den letzten Atemzügen (zurzeit gibt es keine Serie innerhalb des „Timmverse“) können wir nur noch hoffen, dass die restlichen Serien von Marvels neuer Initiative nicht der gleichen Agenda folgen, wie Ultimate Spider-Man. Quo vadis, Marvel und DC?

DVD-Release für Der Ultimative Spider-Man (Volume 1 & 2): 29. Mai 2013

Anmerkung: Volume 1 & 2 bezeichnen hierbei nicht die beiden ersten Staffeln, sondern zwei Episodenkompilationen „Volume 1: Spider-Tech“ und „Volume 2: Spider-Man gegen Marvel’s Superschurken“, die jeweils sechs Episoden aus der ersten Staffel enthalten.

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