Und am Ende sind alle allein – Hoffnung für den deutschen Film

by on 06/24/2015

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Och nö, nicht schon wieder so ein prätentiöses Stück Film eines überambitionierten Nachwuchsregisseurs mit verklausuliertem Kunstbegriff. So unter dem Motto: Hauptsache kryptisch, denn wenn niemand mich versteht, kann auch keiner behaupten, mein Film sei kacke!

Das ging mir in den ersten Minuten von Und am Ende sind alle allein durch den Kopf. Es passte ja auch so gut zu der Hipsterparade namens Filmteam, die sich vor dem Screening auf der Bühne vorgestellt hatte. Und dann diese Optik: Eine Bildqualität, als wäre der Film mit einem Camcorder aus dem letzten Jahrtausend entstanden. Scheinbar chaotische Schnitte, wacklige Handkamera, über die Maßen bedeutungsschwangere Dialoge und dann auch noch Nietzsche! – das kann ja nirgends wohin führen, oder?!

© Beduinen des Westens

© Beduinen des Westens

Doch, das kann es. Was auf den ersten Blick wie eine Filmhochschul-Fingerübung wirkt, ist ein durchdachtes Konzept, in dem visuelle Gestaltung und Inhalt genial aufeinander abgestimmt sind. Ja, Und am Ende sind alle allein hätte auch mit einem Handy gedreht werden können. Und ja, Schnitt, Montage und Narration wirken zuweilen chaotisch. Aber so ist das Leben eben: Chaotisch.

Ein_e Autor_in erschafft beim Schreiben Realitäten, so spricht einer der Protagonisten dieses Films. Und so können auch wir uns konsequenter Weise niemals sicher sein, welche Fragmente der Geschichte sich im Raum des Realen, welche im Fiktionalen ereignen. Und eigentlich, wie so oft, ist das auch vollkommen egal. Regisseur, Autor und Cutter Kolja Malik erzählt seine Geschichte mit einer derartigen Authentizität und Lebensnähe, dass wir keine Sekunde an ihrer Glaubwürdigkeit zweifeln. Klassische Pärchendialoge wirken wie aus dem Leben gegriffen und mitgeschrieben (wir haben sie ja alle schon einmal geführt!) und die sehnsuchtsvollen Blicke der verschiedenen Protagonist_innen erinnern uns an eigene nächtliche Begegnungen, die diese ganz besondere Magie entfalten.

Die Schauspielerin Marie (Emilia de Fries) begegnet dem chronischen Schwarzfahrer Karl (Moritz Rehfeld). Derweil lernt ihr Freund Marc (Robert Seiler) erstmalig die Schwester seines Bekannten Jonas (Sancho Heimrath) kennen und ist von Eva (Nadine Kiesewalter), ebenfalls Schauspielerin, vollkommen bezaubert. Und während Maria und Karl von Party zu Party ziehen, auf Parkbänken kiffen, Bier trinken und irgendwann knutschen, entwickelt sich zwischen Marc, Jonas und Eva eine zärtliche Dreier-Geschichte, der jedoch durch die Geschwister etwas Inzestuöses anhaftet. Oder sind die beiden gar keine Geschwister? Handelt es sich hier nur um Marcs Imagination, der ausgehend von einem Urlaubsfoto die Geschichte einer scheiternden Ménage à Trois für sein nächstes Drehbuch erdenkt?

© Beduinen des Westens

© Beduinen des Westens

Und am Ende sind alle allein handelt von Begegnungen und Beziehungen der Twenty-Somthing-Generation, die sich keinen Regeln und Normen mehr unterwerfen möchte. Die Vater-Mutter-Kind-Fernsehfamilie ist bereits als Illusion entlarvt. Was bleibt sind Gefühle der Verbundenheit und Sehnsucht, die sich nicht darum scheren, in welcher Beziehung die Beteiligten zu einander stehen oder um wie viele Menschen es sich handelt. In den Dialogen spiegeln sich die entsprechenden Themen: prekäre Arbeitsverhältnisse, die Überforderung an den eigenen Ansprüchen, Feminismus und die Definition von Geschlechterrollen. Und das Ergebnis ist: Chaos.

Denn in einer Zeit, in der wir alles dürfen und alles sein können, in der wir besserwissend auf tradierte Verhaltens- und Beziehungsmuster pfeifen, in der wir uns ständig allen Widerständen zum Trotz selbst verwirklichen wollen, weil uns nichts daran hindert oder hindern darf, fehlt es auch an einer Ordnung, die uns Halt gibt. Stattdessen versuchen sich die Protagonist_innen des Films aneinander festzuhalten – ein Versuch, der zwangsläufig scheitern muss, stehen sie doch alle auf wackeligem Boden. So wacklig wie die Kamera, so unberechenbar wie der Schnitt, so verworren wie die Narration – so fühlt sich diese Generation.

Damit zeichnet Kolja Malik ein Bild, das ans Herz geht, bewegt und uns den Figuren auf der Leinwand immens nahe bringt. Vielleicht weil sein Zielpublikum all dies auf die eine oder andere Weise selbst erlebt hat. Vielleicht aber auch, weil Jung-Regisseur Kolja Malik eben doch weitaus mehr ist als ein prätentiöser Hipster, der nach seinem Erstlingsfilm in den Untiefen der Künstlerszene irgendeiner Großstadt versinkt, sondern ein verdammt guter Filmemacher.

Auch Und am Ende sind alle allein ist „eigensinniges deutsches Autorenkino der Gegenwart“, so wie es das Festival des deutschen Films seinem Publikum verspricht. Ich würde in diesem Fall sogar noch weiter gehen und behaupten: Und am Ende sind alle allein ist „eigensinniges deutsches Autorenkino der Zukunft“. Chapeau, Kolja Malik! Bitte weiter so!

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