Angewandte Filmosophie – Die Unknown Pleasures-Edition mit Paul Thomas Andersons Junun

by on 06/03/2016

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Angewandte Filmosophie zum Wochenende
Wir geben euch Tipps für die cineastische Wochenendgestaltung
am 03. Juni bis 18. Juni 2016

cutrin empfiehlt Junun von Paul Thomas Anderson auf dem Unknown Pleasures Filmfestival

© Arsenal

© Arsenal

Unknown Pleasures ist ein schöner Name für ein Filmfestival. Weil er nach verbotenen Früchten klingt, nach der genießerischen Freude des Entdeckens. Zum achten Mal findet vom 03. bis 18. Juni 2016 das Festival des amerikanischen Independentkinos im Berliner Arsenal statt. Also insgesamt gleich drei Wochenenden, an denen wir uns den Freuden des Entdeckens hingeben können. Es haben sich tatsächlich echte kleine Perlen im Programm versteckt, die es im Laufe des Festivals zu ertauchen gilt.

Der Eröffnungsfilm am Abend des 03. Juni ist zum Beispiel Experimenter von Michael Almereyda, ein Psychothriller über die Milgram-Experimente und ihren erschütternden Befund: Menschen tendieren dazu, blind Befehlen zu folgen, selbst wenn sie damit Anderen Schmerzen zufügen. Peter Sarsgaard und Winona Ryder spielen mit, Almereyda wird zur Deutschlandpremiere anwesend sein.

Ebenfalls ein Highlight der Unknown Pleasures: der neue Dokumentarfilm In Jackson Heights des unverzichtbaren Doku-Urgesteins Frederick Wiseman. Für seinen vierzigsten und über dreistündigen Film hat er sich im gleichnamigen New Yorker Stadtteil in Queens herumgetrieben und ist auf die Bewohner dieses sprichwörtlichen Melting Pots getroffen.

© Arsenal

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Mein persönliches Highlight der Unknown Pleasures ist aber erst am zweiten Wochenende zu sehen. Paul Thomas Andersons Musikfilm Junun feierte seine Premiere im vergangenen Oktober überraschend auf der Streamingplattform Mubi – kommt auf der großen Kinoleinwand aber zweifellos schöner zum Tragen. Im Moment der Dreharbeiten noch weitgehend unbeachtet von der Weltöffentlichkeit begleitete der Regisseur im Frühjahr 2015 seine Freunde Jonny Greenwood und Nigel Godrich – ihres Zeichens Gitarrist und Produzent der Band Radiohead – bei den Aufnahmen zu einem kollaborativen Album mit Musikern aus Indien: Rajasthan Express. Albumaufnahmen in der uralten Mehrangarh Festung über der Stadt Jodhpur bringen so einige Besonderheiten mit sich: stundenlange Stromausfälle zum Beispiel oder ständig über dem Dach kreisende Geier. Paul Thomas Anderson, der sonst gern auf Filmmaterial dreht und sich in elegischen Szenen ohne Ende ergeht, probiert hier einen neuen Stil aus, der ihm erstaunlich leicht von der Hand zu gehen scheint. Er dreht mit kleinen digitalen Kameras, bringt wirkungsvoll Drohnen zum Einsatz und beschränkt sich auf eine knappe Stunde Laufzeit. Junun ist ein verfilmtes Album.

Es ist beinahe unumgänglich, das Filme dieser Art einen schalen Beigeschmack haben. Allgemeines Interesse an den indischen Musikern besteht eben hauptsächlich deswegen, weil zwei westliche Künstler sie in ihre Arbeit einbinden. PTA macht aus dieser schwierigen Ausgangssituation dann aber doch irgendwie das Beste: sein Film ist weder Elendstourismus, noch gibt er den Radioheads mehr Aufmerksamkeit und Screentime als den anderen Instrumentalisten und Sängern. Im Mittelpunkt steht die Entstehung von Musik. Die Dynamik, die entsteht, wenn fähige Künstler zusammentreffen und auf diese ganz eigene Art kommunizieren, die jedem bekannt ist, der schon einmal in einer Gruppe musiziert hat: Kommunikation über Blicke und Handzeichen, ehrfurchtsvolles Verklingen lassen des letzten Tons und die ungeheure Erleichterung darüber, wenn eine verflixte Notenfolge sich endlich flüssig runterspielen lässt. In Junun sollte jeder gehen, der Spaß daran hat, eine Stunde lang gedankenverloren mit den Füßen im Takt zu wippen.

Spielzeiten: 

Freitag 10.6, 21:00 Arsenal 1
Samstag 18.6, 21:00 Arsenal 1

Junun auf der offiziellen Website des Unknown Pleasures

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