Venedig vom heimischen Sofa aus

by on 09/17/2015

Flattr this!

© Biennale College

© Biennale College

Wenn du einen Drink brauchst, gilt der alte Trinkspruch: „Irgendwo auf der Welt ist es gerade schon nach Fünf.“ Und wenn du eine Alltagsflucht willst, kannst du dir sagen: „Irgendwo auf der Welt läuft immer ein Filmfestival.“ Faktisch gibt es sogar so viele, dass es unmöglich wird, sie alle zu besuchen. Aber bevor die Trauer darüber nach dem nächsten Glas verlangt, hilft ein Blick nach Venedig. Kein neidvoller Blick auf die Festivalbesucher.

Nein, während die nämlich in der Hitze ächzend nach dem nächsten Film anstehen und hinterher auch noch darüber schreiben müssen, können wir dank der wunderbaren Erfindung namens Sala Web einfach die Festivalfilme online sehen. Bequem von dem heimischen Sofa aus, bei Bedarf gern mit einem Drink in der Hand. Gut, es sind vielleicht nicht die groß erwarteten Wettbewerbsfilme, aber auch die Sektionen Biennale College und Orizzonti haben das ein oder andere Fundstück in petto.

© Noori Pictures

© Noori Pictures

In diesem Jahr ist meine Wahl auf zwei Filme gefallen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide lassen jedoch unsere First World-Problems ziemlich blass aussehen. Blanka von Kohki Hasei handelt von einem elfjährigen Mädchen aus Manila, das dort bettelnd und stehlend auf der Straße lebt – bis es sich in den Kopf setzt, sich eine Mutter kaufen zu wollen. In Wednesday, May 9 von Vahid Jalilvand versetzt hingegen eine Zeitungsanzeige die Teheraner Bevölkerung in Aufruhr: der Lehrer Jalal will 10.000 Dollar an eine bedürftige Person spenden und nimmt ab sofort Bewerbungen entgegen. Zwei Frauen kämpfen besonders hartnäckig um das Geld. Blanka legt trotz seiner schwierigen Themen – Obdachlosigkeit und Einsamkeit, die Gefahr der Ausbeutung junger Frauen – eine beschwingte Leichtigkeit an den Tag, Wednesday, May 9 will dich hingegen in die Magengrube treffen und schafft das auch. Wenige individuelle Schicksale werden darin zu stellvertretenden Exempeln für die Leiden eines ganzen Volkes, wenn nicht gar der ganzen Menschheit. Krankheit, Bevormundung, Trauer, Perspektivlosigkeit, geschickt und manchmal etwas didaktisch verknüpft zu einer Geschichte, wie sie im Iran und in unzähligen anderen Ländern der Welt wohl Tag für Tag geschrieben wurde und wird.

Was die beiden Filme gemeinsam haben, sind die aktiven, kämpferischen Frauenfiguren. Blanka (Cydel Gabutero) muss früh lernen, sich gegen die aufsässigen Jungen in ihrer Gegend durchzusetzen und vermag mit der Zeit zu unterscheiden, wem sie trauen kann und wem nicht. Auf der Suche nach einer Mutter findet sie eher Brüder und in dem blinden Sänger Peter (Peter Millari) eine Art Vaterfigur, und doch bleibt sie der unangefochtene Mittelpunkt des Films, mit ihrem trotzigen Starrsinn, der katzenhaften Eigenständigkeit und noch immer einem Hauch kindlicher Unschuld in ihrem orangenen Flatterkleid. Die Frauen in Wednesday, May 9 schultern ihre Schicksale nicht mit der Blanka gegebenen Leichtigkeit: Setareh (Sahar Ahmadpour) ist 19 und schwanger und ihre Familie bringt den ungeliebten Vater des Kindes ins Gefängnis. Leila (Niki Karimi) hingegen ist die Ex-Verlobte Jalals und pflegt ihren Ehemann, der seit einem Unfall gelähmt und hilflos im Rollstuhl sitzt.

© Biennale College

© Biennale College

Es sind vor allem passive, kranke oder verstörte Männer, die diese Filmwelten bevölkern, und die vor dem Erfindungsreichtum ihrer Frauen, mit vertrackten Situationen umzugehen, tief den Hut ziehen müssten. Aber sich zumeist eher in ihrem Selbstmitleid suhlen. Blanka, Leila und Setareh haben das aber auch nicht nötig. In einer Diskussion mit Zadie Smith sprach die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie einmal über ihre Frauenfiguren und stellte dabei fest: „Die Idee, dass eine Frau stark ist – und einfach nur stark ist – nicht um etwas zu beweisen oder ungewöhnlich zu sein – erscheint mir ganz normal.“ Kohki Hasei und Vahid Jalilvand haben keine dezidiert feministischen Filme gedreht, sondern gelungene Filme über gesellschaftliche Probleme. Mit gelungenen Hauptfiguren. Blanka, Leila und Setareh müssen nichts beweisen und sie müssen auch nicht Idealen entsprechen – weder patriarchalischen Weiblichkeits- noch feministischen Lehrbuchidealen. Sie sind einfach starke Figuren. Ganz normal.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* 0+1=?

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.