Venus im Pelz – Zwischen Realität und Imagination

by on 10/28/2013

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© Prokino

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“Shiny, shiny, shiny boots of leather / Whiplash girlchild in the dark / Comes in bells, your servant, don’t forsake him / Strike, dear mistress, and cure his heart,” sangen Velvet Underground in den Sechziger Jahren auf den Multimedia-Events von Andy Warhol, und auch wenn das Lied nicht im neuen Werk von Roman Polanski auftaucht, so teilen sich Film und Song doch den Namen: Venus in Furs oder wie er hierzulande heißt: Venus im Pelz. Da haben wir schon den ersten Grund, wieso ich diesen Film unbedingt sehen wollte: wenn etwas auf Velvet Underground anspielt, kann es so schlecht nicht sein.

Ursprünglich ist Venus im Pelz aber kein Song, sondern eine Novelle des Österreichers Leopold von Sacher-Masoch. Und genau die will der Theaterregisseur Thomas (Mathieu Almaric) auf einer kleinen Pariser Bühne inszenieren. Die Adaption hat er selbst verfasst, und was sein Können betrifft, plagen ihn in dieser Hinsicht keinerlei Selbstzweifel. Er ist der intellektuelle Romantiker, wie er im Buche steht. Die Schauspielerinnen, die gerade für die Hauptrolle der dominanten Vanda vorgesprochen haben, findet er allesamt völlig indiskutabel – und dann kommt eine echte Vanda (Emmanuelle Seigner) herein. Sie ist Stunden zu spät, vom Regen pitschnass und im Übrigen eine völlig vulgäre und deplatziert wirkende Erscheinung im Sado-Maso-Outfit. Abwimmeln lässt sie sich jedoch nicht, und als sie mehr ungefragt als nach Aufforderung in die Rolle der Vanda aus Sacher-Masochs Novelle schlüpft, traut Thomas seinen Augen nicht. Sie ist für den Part wie geschaffen. Also übernimmt er den Text des unterwürfigen Severin, der sich von Vanda zum Sklaven machen lässt, und es beginnt ein verbaler Schlagabtausch, der filmische Realität, Imagination und Wunschdenken miteinander verschwimmen lässt.

Ich erinnere mich noch gut an den Schauspielunterricht, den ich in der Schule fünf Jahre lang belegte. Damals bestand ein großer Teil des Kurses aus Improvisationsübungen, bei denen wir Gegenstände spontan zweckentfremden mussten. Es war schon manchmal surreal, wenn sich da erwachsene Menschen mit einer Gabel die Haare kämmten oder imaginäre Suppe aus einem Zylinder löffelten. Manchmal entstanden dabei aber auch diese kurzen magischen Momente, in denen alle ganz still wurden, weil sie verstanden, das vor ihren Augen gerade Tatsachen und Fantasie verschwammen, sich der Schauspieler ganz in seiner eigenen Fiktion auflöste. Ganz so funktioniert auch Venus im Pelz. Immer wieder muss sich der Zuschauer fragen, was er da eigentlich gerade sieht: ein Gespräch zwischen Regisseur und Darstellerin, zwischen zwei Bühnenfiguren, die pure Vorstellungskraft? Roman Polanski belässt uns in der Schwebe. Es ist schon erstaunlich, wie dieser acht Dekaden alte Mann es schafft, einen anderthalbstündigen Film mit nur zwei Figuren in einem einzigen Gebäude spielen zu lassen, ohne dass dabei auch nur eine einzige Minute Langeweile aufkommt. Ganz im Gegenteil: mit Venus im Pelz liefert der Filmemacher ein Alterswerk ab, das aktueller kaum sein könnte.

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Denn nur weil der Feminismus als Thema ab und zu wieder in den Medien präsent ist, heißt das noch lange nicht, dass er im Bewusstsein der Gesellschaft angekommen ist. Die Novellenadaption, die Thomas auf die Bühne bringen will, ist ein glänzendes Beispiel für die Frage, ob die Frauenfigur hier tatsächlich Macht besitzt oder letztlich doch wieder nur ein Instrument zum Lustgewinn des Mannes ist. Thomas ist sich in all seiner passionierten Selbstverliebtheit sicher keiner Schuld bewusst, aber Vanda weiß genau, wie sie ihn, seine Ansichten und seine angeblich so künstlerisch-intellektuelle Progressivität dekonstruieren muss. Auffällig ist dabei die optische Ähnlichkeit, die Mathieu Almaric zu Roman Polanski aufweist, und so entsteht eine interessante selbstreferentielle und oft augenzwinkernde Parallele. Denn schließlich gehört der Regisseur selbst zu den Filmemachern, die sich während ihrer Karriere die ein oder andere fragwürdige Eskapade nachsagen lassen mussten.

Es ist besonders der Berufszweig der Schauspielerei, der sich immer wieder zahlreichen Gender-Klischees ausgesetzt sieht, vom in aller Munde befindlichen Hochschlafen bis hin zum sado-masochistischen Verhältnis zwischen Regisseur und Darsteller. Vanda kennt alle diese Klischees und ihre im ersten Augenblick naiv wirkende Weisheit verrät uns schnell, dass sie sämtliche derartige Unsäglichkeiten bereits am eigenen Leib erfahren haben muss. Auch Emmanuelle Seigner wird davon ein Lied singen können, und gibt uns in Venus im Pelz eine hervorragende Vorstellung davon, wie leicht es ihr scheinbar fällt, zwischen so extrem unterschiedlichen Figuren wie den beiden Vandas hin und herzuwechseln. Dabei hat sie sich wirklich keine leichte Rolle ausgesucht, denn schließlich kommt es wie von Velvet Underground besungen: „Kiss the boot of shiny, shiny leather / Shiny leather in the dark / Tongue of thongs, the belt that does await you / Strike, dear mistress, and cure his heart.“

Kinostart: 21. November 2013

Pressespiegel auf film-zeit.de

Vier andere Kammerspiele, in denen es verbal hoch her geht:

One Response to “Venus im Pelz – Zwischen Realität und Imagination”

  • Marcel says:

    Irgendwie ist der Film tatsächlich komplett an mir vorbeigegangen. Da bin ich echt froh, dass du mich drauf aufmerksam gemacht hast! Super review, wie immer 🙂

    LG

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