Vergeistigtes Chaos-Cinema in The Zero Theorem

by on 10/22/2014

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© Télémünchen Group

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Vor drei Jahren stellte der Filmwissenschaftler Matthias Stork drei Video-Essays online, die sich einer kinematographischen Strömung widmen, die er Chaos-Cinema nennt. Seine Thesen sorgten für Aufruhr in der Blogosphäre, unterstellte er doch heutigen Action-Filmemachern weitgehend pauschal, mit ihrem hyperaktiven Stil über fehlendes Handwerk hinwegzutäuschen. Das Bewegungs- und Montage-Chaos sei symptomatisch für das digitale Zeitalter, narrative und stilistische Kontinuität gehörten der Vergangenheit an und ein Bild verweise schon lange nicht mehr wie beim analogen Film auf einen real existierenden Moment, in dem es aufgenommen wurde.

Digitale Technik ist nun für uns nicht Neues mehr, weder im Kino, noch in anderen Medien und unserem von Maschinen durchdrungenen Alltag. Wenn es neue Skandal-Schlagzeilen hagelt, dann beunruhigt sie uns kurz, darüber hinaus hat aber längst die Gewöhnung eingesetzt. Gewöhnung bedeutet aber noch lange nicht, dass wir uns nicht davon beeinflussen lassen.

Im Chaos-Cinema nach Stork sind es die stilistischen Mittel, die uns affizieren. Schnelle Schnitte, eine wackelige Kamera, eine kaum nachzuvollziehende Perspektive, Fragmentierung des Bildes, Missachtung der klassischen Grundregeln: die Filmemacher gönnen uns keinen establishing shot, keinen Schuss-Gegenschuss, keine 180°-Regel als Orientierungshilfe. Bevor sich aus diesen Eindrücken in unserem Hirn eine klar definierte Emotion artikuliert, entsteht tief in unserem Inneren der Affekt – roh, körperlich, unverarbeitet, vorbewusst. Genau das ist es, was wir meinen, wenn wir davon sprechen, dass ein Film uns berührt.

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Wäre ich ein Kulturpessimist, könnte ich jetzt fragen: was berührt uns heutzutage eigentlich noch wirklich – so in all unserer stupiden Abgestumpftheit? Nö, ganz so gegenwartsfeindlich bin ich dann doch nicht. Und natürlich fällt mir da der Klassiker ein, die Mutter aller Fragen: die Frage nach dem Sinn des Lebens. So oder in unzähligen Varianten wurde diese Frage vor allem im Kino immer und immer wieder gestellt, und ob nun die Antwort komplex war oder schlicht 42 lautete, so recht wollte sich nie jemand damit zufriedengeben. Luc Besson feierte vor Kurzem noch in Lucy den brillanten Intellekt als Weg zur Transzendenz, nicht selten weichen Filmemacher auf der Suche nach einer Lösung aber doch wieder zur simplen Familienpropaganda ab – also letztlich zur Erhaltung der menschlichen Art als purem Selbstzweck.

Auch Terry Gilliam hat die Frage nach Sinn und Unsinn schon mehrfach gestellt: zum Beispiel in seinem 1985er Science Fiction-Streifen Brazil, der die Zukunft in einem wahnwitzigen System der totalitären Bürokratie verortete. In diesem Kosmos – und irgendwie auch in dieser Entstehungszeit – scheint auch The Zero Theorem festzuhängen, seine jüngste Dystopie. Darin dreht sich alles um Qohen Leth (Christoph Waltz), der zurückgezogen in der Ruine einer alten Kirche lebt und auf einen ganz besonderen Anruf wartet. Für die Firma ManCom arbeitet er wie besessen mit Zahlen und Formen; genau genommen versucht er das Zero Theorem zu beweisen – einen Algorithmus, der nicht weniger als den Sinn des Lebens preisgeben soll.

Tatsächlich ist die Welt in The Zero Theorem eine vorstellbare Vision unserer Zukunft: sie ist auch ohne private Raumschiffe, fliegende Autos und Beam-Apparaturen verrückt genug. Bunte Reklame verfolgt die Passanten auf der Straße buchstäblich, Elektro-Autos reihen sich dicht an dicht, die Menschen tragen mit Vorliebe avantgardistische Schnitte in Neonfarben und starren sogar beim Tänzchen auf der abendlichen Firmenparty noch auf ihren Bildschirm. Alles ganz normal. Die Gesellschaft ist hier zur Control Society im deleuze’schen Sinne geworden: alles unterliegt dem freien Markt, dem Marketing, Individualität ist eine erwerbliche Ware und Flexibilität nur gut, so lange sie den Angestellten sich möglichst effizient an seine Arbeitsbedingungen anpassen lässt.

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Nun lässt sich eine angenommene Zukunft natürlich in bunten Farben ausmalen – wirklich durchdringen kann ich sie aber nicht. Sogar unsere heutige Welt mit ihren globalen Finanz- und Datenströmen ist viel zu abstrakt, als dass sie in einem Film vollständig repräsentiert werden könnte. Und überhaupt: die Zukunft ist schon lange da, es lohnen sich also weder Verteufelungen noch Verteidigungen. Methoden sind gefragt! Terry Gilliam muss wie jeder andere Regisseur neue Mittel und Wege suchen, um die Welt aus seinem Kopf nicht nur auf unsere Netzhäute, sondern auch in unsere Gedächtnisse zu brennen. Handwerklich lässt er uns dabei weitgehend in Ruhe. Bis auf einige Spielereien wie Überwachungskamera-Aufnahmen oder Ausflüge ins Innere von Qohens Arbeitssoftware ist The Zero Theorem recht konventionell ins Bild gesetzt.

Als post-kinematographische Collage bombardiert uns der Film vielmehr auf der inhaltlichen Ebene. Mit Anspielungen, Symbolen und Metaphern, skurrilen Eigenheiten seiner Figuren, kryptischen Dialogen und einem so exzentrischen Cast, dass so etwas wie Immersion beim besten Willen nicht möglich wird. Wer einen ergrauten Matt Damon als personifiziertes Management vor sich sieht, Tilda Swinton als eigens für Qohens Bedürfnisse produzierten Shrink-Rom aus der Digital-Konserve oder den Protagonisten von sich ausschließlich in der Mehrzahl reden hört, der kann nicht anders, als das ganze Konstrukt namens The Zero Theorem noch während des Schauens permanent zu durchdenken. Der Film verlagert das Chaos von der Leinwand direkt hinein in die Köpfe seiner Zuschauer.

Prinzipiell finde ich das ja schon ziemlich gut. Ein kleines Problem habe ich aber trotzdem. Folgt man Storks Argumentation in seinen Video-Essays, dann ist das visuelle Chaos in vielen Filmen vorrangig ein Ablenkungsmanöver – Hirntod durch pure Überwältigung. Wenn Ablenkung bedeutet, dass ich über mich, den Film, das Leben und die Welt nachzudenken beginne, kann das hingegen so schlimm nicht sein. Schade ist nur, dass dadurch eben auch der Affekt flach fällt. Was entsteht, ist vielleicht eine Emotion und eine ordentlich ausformulierte Meinung. Was Terry Gilliam mir aber nicht verschaffen kann, ist die körperliche Erfahrung, die unbewusste Regung, das Berührt sein. The Zero Theorem ist körperlos vergeistigtes Chaos-Cinema.

Kinostart: 27. November 2014

Pressespiegel auf film-zeit.de

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