Von Berlin nach Tallinn – Das Jahr 2013 in Festivals

by on 12/30/2013

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Das Jahr 2013 war beruflich ein ganz Besonderes für mich. Hoch und Tiefpunkte jagten sich gegenseitig und so tief ich auch vorübergehend auf dem Boden der Tatsachen aufschlug – wie hier in meinem Artikel über den Online-Journalismus – so dankbar bin ich auch für die vielen filmischen Eindrücke. Das Jahr 2013 ist für mich deshalb so besonders, weil es sich völlig unerwartet als mein persönliches Festival-Jahr entpuppte. Insgesamt habe ich neun Festivals vollkommen unterschiedlicher Größenordnung besucht – von lokal bis international – und bin hierfür in vier verschiedene Länder gereist. In meinem ganz persönlichen Jahresrückblick, der den Ultimativen Filmosophen-Rückblick ergänzt, möchte ich deshalb ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern: Wie unterscheiden sich die Festivals voneinander, was sind Vor- und Nachteile großer Veranstaltungen wie in Cannes oder Venedig und was ist eigentlich das Black Nights Film Festival?

 

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!berlinale

Die Berlinale ist ohne Frage das wichtigste deutsche Filmfestival. Zu meinem großen Glück lebe ich in Berlin und kann daher jedes Jahr daran teilnehmen – ob nun als Journalistin oder reguläre Zuschauerin. Trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen ist die Berlinale für mich etwas ganz Besonderes. Hier ist meine große Liebe zum Film abseits des Blockbusters entbrannt. Hier habe ich private und berufliche Kontakte geknüpft, die mein Leben nachhaltig beeinflusst haben.

Doch weg von meiner ganz persönlichen Geschichte und hin zu einer kurzen Beschreibung des Festivals. Die Berlinale ist ein Publikumsfestival. Das bedeutet, dass man Karten für alle Filme des offiziellen Programms kaufen kann. Und im Gegensatz zu beispielsweise Venedig wird dies auch stark genutzt, aber dazu später mehr. Ich mag Publikumsfestivals. Einen Film mit einem echten Publikum anzusehen, ist eine ganze andere Erfahrung als eine Pressevorführung. Die Leute lassen sich bereitwilliger mitreißen und reagieren auf das Leinwandgeschehen.

Die Berlinale ist auch ein Großstadtfestival. Und auch das mag ich. Weniger komfortabel ist in dieser Hinsicht jedoch die starke Streuung der Veranstaltungsorte, die es manchmal unmöglich macht, zwischen zwei Filmen von einem Kino zum anderen zu fahren.

Was die organisatorischen Hoch- und Tiefpunkte der Berlinale angeht, will ich gar nicht so viel erzählen. Das habe ich ja Anfang des Jahres schon in meinem Festivalrückblick getan. Vielleicht abschließend noch ein paar Worte zur Filmauswahl. Die Berlinale legt wert auf gesellschaftlich relevantes Kino. Die Wettbewerbsfilme zeichnen sich in der Regel in erster Linie inhaltlich und erst in zweiter Linie stilistisch als besonderes Kino aus. Während ich diesem Konzept zuvor kritisch gegenüberstand, muss ich am Ende dieses Festivaljahres doch zugeben, dass ich mich genau deswegen sehr auf die nächste Berlinale freue.

 

Achtung, hier kommt Achtung Berlin!

Noch bevor ich ahnte, dass dieses Festivaljahr mich wiederholt in andere Städte und Länder führen würde, entschied ich mich, erstmals am Achtung Berlin Festival als Journalistin teilzunehmen. Es war eine der besten Entscheidungen dieses Jahres!

Das Achtung Berlin Festival zeigt Filme, die in der Region Berlin/Brandenburg entstanden sind. Ein Großteil des Programms besteht aus Debutfilmen und Werken junger Filmemacher. Bedauerlicherweise waren viele Vorstellungen nicht ausverkauft, meist vollkommen unverständlicherweise. Ich habe nicht nur beeindruckendes Kino gesehen und Regisseure entdeckt, deren Schaffen ich fortan genauer verfolgen möchte, sondern tatsächlich auch Freunde oder doch zumindest Bekannte gewonnen. Im Kino Babylon, in dem das Festival in erster Linie stattfindet, mischen sich Veranstalter, Filmleute und Journalisten bunt durcheinander. So gibt es nicht nur in den Diskussionen nach den Vorführungen, sondern durchaus auch im Foyer die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Insbesondere das Festivalteam ist augenscheinlich mit großem Spaß dabei, so dass man gerne über den einen oder anderen organisatorischen Patzer hinweg sieht.

Wer aus Berlin und Umgebung kommt, sollte das nächste Achtung Berlin Festival auf keinen Fall verpassen!

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Es ist nicht alles Cannes was glänzt

Dass ich die Gelegenheit bekam, nach Cannes zu fahren, war eine Überraschung, die mich im wahrsten Sinne des Wortes umhaute. Welcher Filmfan träumt nicht davon, einmal beim wichtigsten Filmfestival der Welt dabei zu sein? Aber auch wenn Cannes definitiv zu den Highlights meines Festivaljahres gehört, so muss ich doch sagen, dass die Croisette meiner Meinung nach vollkommen überschätzt wird.

Cannes ist ein Festival für Filmschaffende und Journalisten. Es gibt kaum reguläres Publikum, dafür umso mehr Starrummel. Vor den großen Premieren ist die Hauptstraße so verstopft von Schaulustigen, dass man für einen Weg von 5 Minuten gerne mal 20 braucht. Und das nervt. Ich war noch nie ein Fan des „Sehen und Gesehen werden“ und Cannes ist genau das. Mich beschlich stark das Gefühl, es ginge hier weniger um die Filme selbst, als um ihre Präsentation. Auch die Filmauswahl liest sich wie cineastisches Namedropping.

In Cannes dreht sich alles um das „Wer bin ich?“. Es gibt zahlreiche verschiedene Festivalausweise, die ihren Besitzern sehr unterschiedliche Rechte einräumen. Manch einer muss je nach Wetterlage stundenlang in sengender Hitze oder strömendem Regen warten, andere werden direkt durchgewunken. Ja, sogar die Sitzplätze sind manchmal in Kategorien unterteilt. So spiegelt sich der Karneval auf den Straßen gewisserweise im Kinosaal wider. Es gibt eben Stars und Stars, Journalisten und Journalisten. Wo kämen wir nur hin, wenn wir alle gleich viel wert wären? Die Welt würde zusammen brechen und sich in Luft auflösen.

Cannes ist Oberfläche. Die Oberfläche ist schön. Der Festivalpalast am Strand, Palmen und Sonne, Limousinen und den ganzen Tag über flanierende Menschen in Frack und Abendkleid. Aber wer ein wenig über den Tellerrand hinausschauen kann, der sieht auch die vielen Obdachlosen, an denen die aufgestylten Partyhäschen vorbei hasten. Neben dieser Armut ist der zur Schau gestellte übertriebene Reichtum noch abstoßender.

Ärgerlich ist an Cannes überdies der Preis. Schlafen, Essen und Trinken ist lächerlich teuer, vermutlich weil die Anwohner ihr Jahreseinkommen aus dem 10-tägigen Festival beziehen. Sind die Filmfestspiele vorbei, ist in Cannes für die nächsten 11 ½ Monate tote Hose.

Ich will trotzdem wieder nach Cannes fahren. Aus einem ganze einfachen Grund: Oberfläche funktioniert eben besser als Substanz und neben Berlin gibt es kein Festival, mit dem sich als Journalist so gut Geld verdienen lässt wie mit Cannes.

 

Venedig – Wo die Gondeln Trauer tragenvenedig

Venedig gehört zu den großen Enttäuschungen dieses Jahres. Das Festival ist unfassbar teuer. Hotelzimmer kosten ein Vielfaches des Normalpreises. Auch hier sind die Verpflegungskosten enorm. Das kann sich kaum ein Mensch leisten. Im Gegensatz zu Cannes ist Venedig aber nicht in der Lage, für diese Preise auch etwas zu bieten. Die Filmauswahl ist mittelmäßig, die Jury-Entscheidung erschien mir korrupt. Auch mit dem Sozialverhalten der italienischen Journalisten – lautes Telefonieren im Presseraum, anhaltende Gespräche neben offensichtlich arbeitenden Kollegen – konnte ich mich nicht anfreunden. So schön auch die Lage des Festivals, es gibt nichts, aber auch gar nichts, was mich reizen würde, wieder an diesen Ort zu fahren.

Noch stärker als Cannes verursachte Venedig bei mir geradezu Wut über die hohen Preise. Ein Beispiel: Ein Zimmer in einer Pension, dass normaler Weise 30 Euro kostet, ist während des Festivals für 175 Euro zu haben! Das ist doch Irrsinn! Für mich steht fest: Ich fahre erst wieder nach Venedig, wenn ein Auftraggeber oder das Festival selbst für einen Teil meiner Ausgaben aufkommt oder dieser unlauteren Preistreiberei von offizieller Seite ein Ende bereitet wird.

Auch die Atmosphäre konnte mich nicht überzeugen. Weniger Glamour ist nicht immer besser, insbesondere wenn hierfür kein Ersatz gefunden wird. Die großen Stars kommen schon länger nicht mehr nach Venedig, da das Filmfestival in Toronto inzwischen eine ernstzunehmende Konkurrenz darstellt. Publikum gibt es in einer kleinen Stadt wie Venedig jedoch ebenfalls nur in Maßen. Venedig wirkt wie eine Veranstaltung, die ihre besten Zeiten hinter sich hat, sich aber mit allen Mitteln dagegen sträubt das zuzugeben und entsprechend gegenzusteuern. Mit anderen Worten: arrogant. Und wie wir alle wissen, kommt Hochmut vor dem Fall.

 

San Sebastián – Lebensfreude pur

Pintxos

Pintxos

Es gibt wohl kaum einen stärkeren Gegensatz als Venedig und San Sebastián. Beides wunderschöne Orte, beide in Südeuropa gelegen, aber ach, dazwischen liegen Welten.

San Sebastián ist ein mittelgroßes Festival. Deshalb werden Journalisten auch schon mal für ein paar Tage eingeladen. Dabei wäre es hier vermutlich gar nicht notwendig, da die Preise human sind. Die Filmauswahl ist mittelprächtig, doch findet sich im Programm vieles, das schon in Cannes und Venedig gelaufen ist, so dass sich hier Filme nachholen lassen, die man zuvor verpasst hat. Es macht ohnehin viel mehr Spaß, in San Sebastián Filme zu gucken als in Cannes oder Venedig. Die Kinos sind mitten in der Stadt, in der das Leben tobt. Wie in Spanien üblich, ist auf den Straßen immer etwas los. Mittags platzen die Bars aus alle Nähten, weil sich ganz San Sebastián an Pintxos, einer lokalen Spezialität, erfreut. Die Kinos selbst sind – vom Festivalhauptgebäude abgesehen – altehrwürdige Lichtspieltheater, mit roten Samtvorhängen, Logen und Goldstuck. Neben der lokalen Presse ist stets viel Publikum im Saal. Das Festival scheint sich bei den Bewohnern der Stadt großer Beliebtheit zu erfreuen.

Kurzum: San Sebastián war das beste Festival des vergangenen Jahres. Hier stimmt alles: die Filme, die Location, die Preise, das Essen, Land und Leute und das Wetter. Also liebe Leute: Ärgert euch nicht, dass Ihr nicht nach Cannes oder Venedig fahren könnt. Ab geht’s nach San Sebastián. Das ist auch besser für’s Portemonnaie.

 

Filmfest Hamburg – Großes Kino, kleines PublikumHamburg

Vom sonnigen San Sebastián ging es ins herbstlich graue Hamburg. Das ist lange nicht so schön wie die baskische Stadt, aber ebenso authentisch. Trotz des üppigen Programms, das durchaus mit großen Premieren aufwarten kann, empfinde ich das Filmfest Hamburg als kleines Festival. Es gibt keinen richtigen Presseraum, nur ein beheiztes Zelt, was vielleicht einer der Gründe dafür ist, dass Journalisten hier nur sehr spärlich vertreten sind. Auch bei den Hamburgern scheint die Mär vom internationalen Festival in der eigenen Stadt noch nicht angekommen zu sein, denn bei vielen öffentlichen Veranstaltungen blieben einige Ränge leer.

Obwohl das Festival klein ist, überzeugt das Filmfest Hamburg durchaus mit seiner Organisation und der freundlichen und hilfsbereiten Pressebetreuung. Die Standorte liegen nah beieinander und zentral. Das ist bequem und es findet sich immer eine Möglichkeit der preiswerten Nahrungsaufnahme. Auch wenn das Programm mit seinen zahlreichen Sektionen sehr verwirrend wirkt, hat es doch wirklich viel zu bieten. Auch hier laufen zahlreiche Filme, die schon einige große Festivals durchlaufen haben, weshalb es mich besonders stark überraschte, dass einige Vorstellungen so schlecht besucht waren.

 

Chemnitz – In jedem steckt in Schlingel

schlingel badgeDas Internationale Filmfestival für Kinder und junges Publikum „Schlingel“ in Chemnitz ist verhältnismäßig jung und dementsprechend klein. Wie so oft bei Festivals dieser Größenordnung wird es jedoch mit umso mehr Herzblut veranstaltet. Hier dreht sich alles um die Kinder. Die können sich nicht nur Filme aus aller Welt ansehen, sondern auch an Workshops teilnehmen und verschiedene Jurys bilden. Chemnitz ist, das muss ich leider sagen, eine ziemlich hässliche Stadt, der Festivalstandort in einem Einkaufszentrum ebenso wenig attraktiv. Doch die Filmauswahl ist umfassend und unbedingt sehenswert. Wer sich für Kinder- und Jugendfilme begeistern kann, ist hier richtig aufgehoben. Und gerade weil Chemnitz keine Weltstadt ist, sind Kosten für Unterbringung und Verpflegung hier überhaupt kein Problem. Zudem ist der „Schlingel“ in meinen Augen ein wichtiges Festival, weil der Kinderfilm oft viel zu kurz kommt. Es gibt so viel mehr als Disney/Pixar und deutsche Märchenfilme!!

 

Das Pornfilmfestival Berlin – Von der Vielfalt der Sexualität

Ich gebe zu, Kinderfilm und Porno sind durchaus ein Kontrastprogramm. Doch beide haben eine Daseinsberechtigung. Ich war 2013 zum zweiten Mal beim Pornfilmfestival Berlin, das neben Hardcore Pornographie auch Dokumentationen und wenig explizite Spielfilme zeigt. Die Atmosphäre ist angenehm und überhaupt nicht anrüchig. Hier kommen Menschen zusammen, die sich für Pornographie und/oder Sexualität in unterschiedlichen Facetten interessieren. Das Pornfilmfestival hat nichts mit schummrigen Pornokinos zu tun. Hier holt sich keiner während des Films einen runter (zumindest habe ich das nicht gesehen) und das Festival ist auch keine erotische Kontaktbörse.

Mir gefällt am Pornfilmfestival, dass ich jedes Mal etwas dazulerne. Ich erweitere meinen Horizont mit Eindrücken davon, wie andere Menschen ihre Sexualität leben. Ich erfreue mich an einer Art Pornographie, mit der ich etwas anfangen kann – abseits des Hochglanz- Mainstreams, in dem breitgebaute Männer mit überdimensionalen Penissen blankrasierte Barbiepuppen wie eine Maschinengewehrsalve penetrieren und uns dabei suggerieren, dass das für beide Parteien die größtmögliche Wonne sei.

Wer sexuell aufgeschlossen ist und etwas entdecken möchte, dem sei das Pornfilmfestival wärmstens empfohlen. Einziger Manko ist der leider sehr kleine Spielort. Das Kino Movimiento in Berlin-Kreuzberg ist dem großen Publikumsansturm einfach nicht mehr gewachsen. Sich zwischen einzelnen Screenings dort aufzuhalten oder für einen Film anzustehen macht in der Regel überhaupt keinen Spaß – es sei denn man hat eine Vorliebe für Atemnot. Auch das soll es ja geben.

 

Düstere Zeiten beim Black Nights Film FestivalTallinn

Am Ende des Jahres verschlug es mich nach Tallinn. Dort ist es im Winter sehr düster und sehr kalt, weshalb es die Esten ins Kino zieht. Und zwar zu Hauf! Die Vorstellungen waren in der Regel gut besucht. Dabei ist die Filmauswahl durchaus besonders. Wie auch Hamburg zeichnet sich das Festival in Tallinn durch eine schwer durchschaubare Vielzahl von Sektionen aus. Der Schwerpunkt liegt auf dem eurasischen und dem nordamerikanischen Kino. Das deckt ja aber irgendwie schon die halbe Welt ab. Deshalb hier noch mal eine persönliche Konkretisierung: Das Black Nights Film Festival ist etwas für all jene, die sich mit dem osteuropäischen, baltischen und zentralasischen Kino bekannt machen wollen. Zusätzlich bietet auch Tallinn zahlreiche Festivalschätze aus Cannes und Venedig.

Die Stadt selbst übrigens ist klein, aber fein. In der Altstadt fühlt man sich im positiven Sinne wie in der Kulisse eines Märchenfilms. Die Menschen sind sehr freundlich. Das trifft auf das Festivalpersonal wie auch die Esten allgemein zu, die in den meisten Fällen übrigens ausgezeichnet Englisch sprechen. Das Black Nights Film Festival ist definitiv eine Reise wert und – von den Flugkosten vielleicht einmal abgesehen – auch durchaus erschwinglich. Organisatorisch übrigens ist das Festival allen anderen um Längen überlegen! Tickets lassen sich bequem online kaufen und werden sogar per SMS aufs Handy geschickt. Davon könnte sich die Berlinale mal eine Scheibe abschneiden!

 

 

Mein Fazit des Festivaljahres 2013: Kleine und mittelgroße Festivals sind in den meisten Fällen angenehmer, schöner und preiswerter und bieten in vielen Fällen eine ebenso beeindruckende Filmauswahl wie die großen Player. Wer Filme liebt, der sollte ruhig eine Reise nach San Sebastián oder auch Tallinn unternehmen. Ein Festival-Urlaub sozusagen. Es lohnt sich!

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