Von Caligari zu Hitler – The Story of German Film

by on 06/30/2015

Flattr this!

Ich habe nicht Filmwissenschaften studiert. Das bereue ich bis heute und nutze daher jede Chance, meine Filmbildung auf anderen Wegen voranzutreiben. Von Caligari zu Hitler kommt da gerade recht, füllt der Dokumentarfilm von Filmkritik-Kollege Rüdiger Suchsland doch nicht nur eine ganz persönliche Wissenslücke, sondern – nach Aussage des Regisseurs – auch eine Leerstelle im deutschen Film selbst: Der Epoche der Weimarer Republik hat sich in dieser Form bislang noch niemand angenommen.

© Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung

© Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung

Ein wenig erinnert Von Caligari zu Hitler an Mark Cousins‚ Serie The Story of Film, denn wie Ersterer stellt auch Suchsland nicht nur filmische Werke vor, sondern wirft auch einen historischen Blick auf politische und gesellschaftliche Ereignisse ihrer Entstehungszeit, in diesem Fall die deutsche Epoche der Weimarer Republik, also zwischen 1918 und 1933. Mit Hilfe der Thesen von Siegfried Kracauer und anderer zeitgenössischer Kulturwissenschaftler, ergänzt durch Interviewsequenzen mit Regisseuren und Akademiker_innen unserer Zeit, verknüpft er das Eine mit dem Anderen. So präsentiert Suchsland zum Beispiel Kracauers These, dass die diabolischen Zauberer und ihre willenlosen Schöpfungen, bzw. Marionetten der damaligen Filme, die Diktatur des dritten Reiches bereits vorwegnahmen und stellt damit eine erhellende Interpretationsschablone vor.

Aber Suchsland will nicht nur belehren, er will vor allem begeistern. Für bekannte und unbekannte Filmemacher_innen der damaligen Zeit und für ihre Werke, die in vielerlei Hinsicht auch den Grundstein für aktuelle Blockbuster legten. Die Materialflut, die er für dieses Unternehmen zusammengetragen hat, ist so berauschend wie faszinierend. Wie viele Stunden Filmsichtungen, so fragte ich mich während des Screenings, sind wohl dieser Montage von einzelnen Szenen unterschiedlichster Filme vorausgegangen?

© Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung

© Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung

Doch bereits hier schleicht sich ein Problem ein. So überwältigend die mannigfaltigen Einblicke in die filmische Epoche auch sein mögen, so chaotisch wirken sie zuweilen. Im Gegensatz zur vorbildlichen Struktur von The Story of Film, gelingt es Suchsland nur mäßig, einen dramaturgischen roten Faden durch seinen Dokumentarfilm zu ziehen. Zu oft ist unklar, ob es sich um eine thematische oder chronologische Gruppierung und Aufzählung handelt. Die Flut an Hintergrundinformationen und der zum Scheitern verurteilte Versuch, diese zu verarbeiten, erschweren uns Zuschauer_innen den Überblick über das Gesamtbild. Von Caligari zu Hitler ist insofern weniger ein auf direktem Wege informierender Dokumentarfilm als ein herausfordernder filmwissenschaftlicher Essay.

Das sollte auch nicht überraschen. Schließlich ist Suchsland Filmkritiker und als solcher mit der Materie vornehmlich intellektuell vertraut. Sein dozierendes Voice Over gibt dem Publikum zuweilen das Gefühl, nicht im Kino, sondern in einem filmwissenschaftlichen Seminar zu sitzen, was seine Zielgruppe deutlich begrenzen dürfte. Dann wieder gleitet die Betonung einzelner Qualitäten der filmischen Epoche in überschwängliche Lobduseleien über, die hinsichtlich der einnehmenden Bilder hier völlig unnötig sind. Die vorgestellten Werke sprechen für sich, wecken auch ohne „Werbung“ unser Interesse. Mit der anhaltenden verbalen Überhöhung der Filmemacher droht Rüdiger Suchsland seine eigene Autorität zu unterminieren, erscheint er doch stellenweise nicht mehr als respekteinflößender Dozent, sondern als Motivationstrainer nach US-amerikanischem Vorbild, dessen Superlative bedauerlich leer wirken.

© Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung

© Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung

Insgesamt erschlägt Von Hitler zu Caligari sowohl mit seiner Informationsflut als auch mit seiner beträchtlichen Länge. Eine filmgeschichtliche Epoche von 15 Jahren in einem einzigen Dokumentarfilm abzubilden, ist wohl auch ein steiles Unterfangen, das zwangsläufig zu einer intellektuellen Herausforderung für die Zuschauer_innen werden muss. Für jemanden wie mich, die sich insbesondere für die kulturwissenschaftliche Verknüpfung von Kunst und Historie begeistern kann, stellt dies weniger ein Problem dar, doch dürfte der_die „durchschnittliche“ Zuschauer_in wohl spätestens nach einer dreiviertel Stunde gedanklich aussteigen.

Auf dem Festival des deutschen Films mit seinem gutbürgerlichen Bildungspublikum war Rüdiger Suchsland mit seinem Film definitiv gut aufgehoben. Auch die Arte-Zuschauer_innen dürften sich demnächst über diese anspruchsvolle Fernsehunterhaltung freuen. Die breite Masse kann der Filmkritiker und Debutregisseur hiermit jedoch nicht abholen. Aber vielleicht – oder vielmehr wahrscheinlich – ist das auch gar nicht sein Ziel.

Kinostart: 28. Mai 2015

Pressespiegel auf film-zeit.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* 6+1=?

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.