Vulva 3.0 – Wenn man die Vulva vor lauter Nacktheit nicht sieht

by on 02/09/2014

Flattr this!

© Berlinale

© Berlinale

Wenn ein Film damit beginnt, dass wir eine voll frontale Sicht auf eine Frau zu sehen bekommen, die mit gespreizten Beinen auf dem Stuhl ihrer Ärztin sitzt, dann haben wir es wohl entweder mit einem Nischen-Porno, mit einem medizinischen Lehrfilm oder einer Dokumentation zu tun. Im Spielfilm traut sich sowas nämlich niemand. Aber wieso ist das eigentlich so? Wieso ist Sex in den Medien, in der Werbung, im Alltag allgegenwärtig, sind Frauen am liebsten gleich halbnackt dargestellt, Phallussymbole omnipräsent – und dann ist das weibliche Geschlechtsorgan in seiner vollen, aufgeblätterten Schönheit etwas Anstößiges, Ekliges, vielleicht sogar Subversives?

Das haben sich Claudia Richarz und Ulrike Zimmermann auch gefragt und aus dieser Thematik einfach einen Film gemacht. Einen Dokumentarfilm, um genauer zu sein, namens Vulva 3.0. Ihr Werk ist eine Bestandsaufnahme geworden, die alle Aspekte abdeckt, die einem so einfallen, wenn man an die öffentliche Wahrnehmung der Vulva denkt. Da gibt es eine historische Perspektive, die Medizinisch-Anatomische, es gibt Sexualforscherinnen, Psychologinnen, feministische Künstlerinnen, Frauen und andere unterschiedlich Beteiligte aus dem Geschäft mit der Lust, Expert_Innen für die noch immer in manchen Regionen der Erde praktizierte Genitalverstümmelung und natürlich auch Ärzte, die in Zeiten radikal normierter Schönheit ein ganz besonders lukratives Geschäftsmodell für sich entdeckt haben. Die Frau aus der Eingangsszene sitzt nämlich nicht auf dem berüchtigten Stuhl, um den jährlichen Abstrich über sich ergehen zu lassen, sondern um sich die äußeren Schamlippen aufspritzen zu lassen. „Total amerikanisch – aber schön“, lautet das Urteil der ausführenden Ärztin. Wenn nicht alles rosig, voll, haarlos und symmetrisch ist, passt es nicht mehr in das medial transportierte Standardbild. Die daraus entstehende Unsicherheit der Frauen wissen alle möglichen Parteien auszunutzen.

© Berlinale

© Berlinale

Die operative Gleichmacherei eignet sich denn auch wunderbar als Einstieg und Ausgangspunkt für eine anderthalbstündige Reise rund um die Vulva. Und es ist schon erstaunlich, was Frauen auf sich nehmen, um dem wahnwitzigen Ideal ihrer jeweiligen Gesellschaft zu entsprechen. Wir alle kennen diese Interviews mit pubertären Jungen, die in ihrem ganzen Leben wahrscheinlich noch keine einzige Vagina von Angesicht zu Angesicht gesehen haben – und dann völlig überzeugt davon reden, dass eine üppige Behaarung doch ziemlich eklig sei. Schlimm genug – wirklich erschreckend wird es dann aber erst, und das zeigt Vulva 3.0 unerbittlich, wenn erwachsene Menschen sich von unerreichbaren Idealen manipulieren lassen, die es eigentlich besser wissen müssten. Ein Fotograf, der bei der Retusche digitaler Erotikaufnahmen gezeigt wird, entfernt mit dem Kopierstempel großzügig sichtbare innere Schamlippen und spricht dabei ständig von zu behebenden Fehlern und Makeln. Eine Ärztin erklärt, dass es doch wirklich nicht schön sei, wenn die inneren Labien einer Frau unterschiedlich lang seien und auf einem Ärzte-Kongress, bei dem eine OP live in einen Konferenzsaal übertragen wird, fühle ich mich unwillkürlich an eine Viehauktion erinnert. Ob Schönheitsoperation im Intimbereich oder Genitalverstümmelung – in letzter Konsequenz ist beides Ausdruck eines geradezu widerwärtig unterdrückerischen, patriarchischen Systems.

Neben dem Aufzeigen dieser fragwürdigen Auswüchse unserer Zeit erfüllt Vulva 3.0 aber auch eine aufklärerische Funktion – und das ist auch der Grund, wieso sowohl Frauen als auch Männer sich das Werk dringend einmal zu Gemüte führen sollten. Wer weiß denn schon, dass die Frau ebenso über Schwellkörper verfügt wie der Mann? Dass die weiblichen Lustorgane zusammengenommen etwa genauso groß sind wie beim maskulinen Pendant? Wir alle kennen die anatomisch nüchternen Schaubilder aus dem Biologieunterricht, in dem die Lehrerin meist verschüchtert mit ihrem Zeigestock auf Eierstöcke und Gebärmutter deutet und den Rest soweit wie möglich verschweigt. Weibliche Sexualorgane scheinen zum Kinderkriegen da zu sein, fertig. Aber wie sollen Frauen eine gesunde Einstellung und ein souveränes Selbstvertrauen zu ihrer Sexualität und ihrem Äußeren aufbauen, wenn es nicht nur tabuisiert wird, sondern sie auch noch nicht einmal wissen, was sich alles zwischen ihren Beinen versteckt? Der so oft metaphorisch umschriebene Ursprung des Lebens steckt voller Vielfalt, Schönheit und Lust. Wäre doch schade, wenn all das im Verborgenen bleibt.

Claudia Richarz und Ulrike Zimmermann haben wunderbare Frauen vor der Kamera zusammengebracht, die voll charmanten Selbstbewusstseins erklären, wieso wir anscheinend die Vulva vor lauter Nacktheit nicht sehen. Und dieser Lerneffekt stellt sich wundersamerweise weder durch dröge Lehrfilmstimmung, noch durch einen erhoben Zeigefinger ein. Aber zweites wäre ja ohnehin eher wieder ein Phallussymbol.

Vulva 3.0 auf der offiziellen Berlinale-Website

Vier andere unverklemmte Blicke auf die Vulva:

5 Responses to “Vulva 3.0 – Wenn man die Vulva vor lauter Nacktheit nicht sieht”

  • Guten Morgen,
    Eine gute Recherche täte diesem Artikel gut !
    Die Ärztin aus der Eingangs Szene und mit dem Widerwillen gegen Asymmetrie ist keine Gynäkologin !
    Ich bin Fachärztin für Haut – und Geschlechtskrankheiten
    Und außerdem Mitbegründerin der GAERID –
    Das sind die Viehhändler .

    Bitte da doch wenigstens um Beachtung .
    Ich nenne Journalisten ja auch nicht “ Schreiberlinge “

    Vielen Dank !

    • cutrin
      cutrin says:

      Hallo,
      für die Verwechslung Ihres Berufs entschuldige ich mich. Allerdings war mit der Bezeichnung ‚Gynäkologin‘ keine Abwertung verbunden, wie sie die Umschreibung ‚Schreiberling‘ für Journalisten wohl suggerieren würde.
      Viele Grüße!

  • Stimmt. Da haben Sie Recht .
    Deshalb betitel ich Journalisten nicht so – die sind mir lieb und teuer .

    Danke

  • Irgendwie tragisch-komisch, daß, anstatt eine Lanze für das weibliche Geschlecht zu brechen, als Kommentar dann auch wieder nur Oberflächlichkeiten zum Thema werden. Dabei wäre eine ergänzende Einführung in diese geheimnisvolle Welt doch viel spannender gewesen. Ich glaube, für das Thema kann ich mich erwärmen.

  • Fred Lang says:

    Vielleicht ist ja in diesem Zusammenhang mein Projekt „Viva la Vulva!“ von Interesse. Eine etwas andere Sichtweise auf die menschliche Vulva – mit Beispielen für ihre Schönheit, Vielfalt und Einzigartigkeit in Verbindung mit Bildern aus Fauna & Flora.
    http://viva-l-vulva.blogspot.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* 8+2=?

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.