Warum James Bond unter die Haube sollte – oder auch nicht

by on 12/02/2015

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Ich schreibe selbst als Filmkritiker, aber über Film schreiben heißt nicht zwangsläufig, dass man das nur im Form einer Kritik oder Rezension machen muss. Dies geht auch aus film- und medienwissenschaftlicher Sicht. In meiner Kolumne “Back To The Film Studies” will ich mich daher aktuellen aber auch nicht aktuellen Filmen, Serien und ganzen Genres widmen und hier einzelne interessante Aspekte aus film- und medienwissenschaftlicher Sichtweise beleuchten und besprechen.

Als ich vor einiger Zeit aus der Pressevorführung von Spectre kam, war ich wohl einer der wenigen anwesenden Kritiker, der den neuen James Bond-Film gut fand. In der Tat, wer mit der Idee ins Kino ging, einen weiteren Film wie Skyfall zu sehen, wurde oder wird wohl enttäuscht sein. Warum das so ist, könnt ihr in meiner Kritik zum Film lesen. Doch was war geschehen?

James Bond_Artikel

Foto: Mike Mozart / Titel: James Bond
(Lizenz: CC BY 2.0 / Quelle: Flickr.com)

Sam Mendes hat am scheinbar festen und unantastbaren Fundament der Figur Bond gesägt. Und wenn man es recht bedenkt, gab es schon in Skyfall Anzeichen dafür. So gesehen, war Skyfall zwar eine Hommage an 50 Jahre James Bond-Historie, zu gleich aber auch der Beginn einer Kritik an der Figur „James Bond“. Und ja, wer sich den viel gescholtenen Bond-Song von Sam Smith genauer angehört hätte, hätte den Wink mit dem musikalischen Zaunpfahl bemerken können. Per se nichts schlimmes, doch es ist ein Novum. Denn wer sich einen Bond anschaut, der will schöne Frauen, schnelle Autos, Abenteuer und viel Martini (geschüttelt, und nicht gerührt). Ein Konzept, das 23 Filme lang durchgezogen wurde und ordentlich Geld gebracht hat. Ebenfalls nichts schlimmes. Aber sollte auch nicht Bond mal mit der Zeit gehen? Wäre es nicht einmal an der Zeit, dass Bond heiratet?

Um zu verstehen, warum Spectre an dieser Frage verdammt nah dran ist, ist es notwendig sich James Bond genauer anzuschauen. Im Kern ist die Figur James Bond ein Kind seiner Zeit, der 1950er und 1960er Jahre. Einer Zeit der Agenten und verklärten und teils romantisierten Bilder von Geheimdiensten. Die 50er und die frühen 60er sind aber auch ein Zeit, in der der Mann noch „den Ton angab“ (oder besser gesagt angeben wollten) und einer Zeit, in der die Emanzipation der Frau noch in den Anfängen war. Kein Wunder, dass in Filmen wie Goldfinger, James Bond ohne Weiteres einer Frau einen Klapps auf den Hintern geben kann, ohne, dass sich jemand aufregt. Als Goldfinger 2015 auf der Berlinale wieder lief, ging bei dieser Szene ein Gelächter durch das Kino, denn die Zeiten von damals sind vorbei – zu Recht! Bei genauerer Betrachtung wird aber klar, dass sich Bond als Person seit damals recht wenig verändert hat. Ja, das ganze drumherum, die Autos, die Gadgets von Q und auch die Bond-Songs haben sich verändert. James aber eher wenig.

Doch trotz aller geschlechterspezifischen Debatten zu diesem Thema, repräsentiert die Figur von Erfinder Ian Fleming ein Ideal, ein inneres Bedürfnis, das in jedem von uns steckt. Die Frauen wollen einen Mann, an den sie sich anlehnen können und die Männer wollen eben der Mann sein, der alle Frauen dieser Welt mit nur dem Zucken seiner Augenbraue rumkriegt. Alles völlig normal, weil völlig menschlich. Und was auf keinen Fall die Errungenschaften in der Gleichberechtigung schmälern soll. Im Gegegenteil. Es wäre legitim sich darüber zu unterhalten, wie sehr wir durch die Industrie mittels solcher Muster manipuliert werden und auch wie die dauernde Anwendung von solcher Musterr in Film, Fernsehen oder Werbung negative Auswirkung auf unser gesellschaftliches Verhalten hat. Wobei auch hier mancher realer Möchtegern-Macho die Figur Bond falsch verstanden hat. Bond mag zwar stellenweise ein Macho sein und mit Bösewichtern nicht gerade zimperlich umgehen, doch er ist stehts ein Gentleman und würde auch nie eine Frau schlecht behandeln, geschweige denn schlagen. Aber das nur am Rande dieses Textes.
Tatsache ist jedoch, dass Menschen wiederholbare Muster mögen. Und genau so funktioniert Kino im Kern ja auch: es baut auf Stereotypen auf, zu denen wir als Zuschauer schnellen Zugang finden können. Und weil wir so manipulierbar sind, springen wir darauf auf. Deswegen tun wir uns im Umkehrschluss auch so schwer mit Veränderungen von angestammten Mustern.

Ich hatte in diesem Zusammenhang kürzlich eine Diskussion mit einer Freundin. Man kann Daniel Craig als Bond-Darsteller mögen oder nicht, es ist jedoch eine Tatsache, dass seit Casino Royale (2006) Bond eine Wandlung durchgemacht hat, die in mehrere Hinsicht notwendig war, jedoch auch viel „erschreckendes“ Potential in sich trägt und auch mit Spectre zu tun hat. Ja genau, wer würde denn je an der Zubereitung eines Martinis zweifeln? („Sehe ich aus, als ob mich das interessieren würde?“). Aber um es kurz zu machen: Bond wurde menschlicher. In Anbetracht der teils immer unglaublicher werdenden Bond-Filme unter Pierce Brosnan, die zum größten Teils mehr Explosionen als Handlung waren, sicherlich eine notwendige Sache. Mit Craig zeigte Bond zum ersten Mal richtig Gefühle. Doch mit dieser „neuen Menschlichkeit“ ging auch einher, dass Bond auf paradoxe Art und Weise zu einer Art Mensch-Maschine wurde. Klar, Bond war immer noch der Gentleman von vorher und nicht der hirnlose Haudrauf, doch die Lizenz zum Töten wurde konsequenter durchgesetzt. Die Menschlichkeit und die zu gleich einhergehende Härte waren die Knackpunkte. Er hatte damit ein bisschen von seinem Bild des über allem stehenden idealen britischen Gentleman eingebüßt, den wir wir gesagt alle habe wollen oder der wir alle sein wollen. Die britisch charmanten One-Liner, die die eigentlich irrwitzigen Kampfszenen überdeckten, waren teils den Fäusten gewichen. Und damit wären wir auch beim Kern der Sache. Die logische Konsequenz daraus wäre diesen Schritt weiter zu gehen und sich eben zu fragen, was wäre wenn dieser menschlicherer Bond eine feste Bindung eingehen würde? Oder wie es Sam Mendes in einem Interview mal gesagt hat, wäre es nicht an der Zeit Bond eine Erlösung zu geben? Und das spätestens seit Quantum of Solace?
Eine Frage, die nicht unbedingt 50 Jahre James Bond in Zweifel zieht, sondern vielmehr die Frage stellt, was wir als Zuschauer wollen. Wollen wir den perfekten Gentleman wie einst und geben uns den durchaus wohltuenden Stereotypen hin, oder wollen wir doch den menschlicheren James Bond, mit all den Konsequenzen, der – und das ist wohl das zeitgemäßere und wichtigere Aspekt – von seinem Macho Sockel steigt?

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