Warum mich Luchino Visconti einfach nicht loslässt

by on 02/04/2015

Hinsichtlich meiner Begeisterung für die Filme von Luchino Visconti gibt es zwei Fragen, die ich mir immer wieder stelle:

  1. Warum ist Luchino Visconti im Gegensatz zu etlichen seiner Zeitgenossen fast völlig vergessen oder so unbeliebt?
  2. Was fasziniert mich eigentlich so an den Filmen Viscontis?

Man hört es ja immer wieder: Visconti sei zu langweilig, zu elitär, zu selbstverliebt, zu dekadent… Ich gebe es zu, alleine seine Biographie bietet leider genug Material für Ablehnung. ‚Leider‘ natürlich in Bezug auf die Reaktion, nicht auf sein Leben. Er war sehr reich, ein standesbewusster Adliger, homosexuell und Kommunist. Diese Mischung enthält genug Sprengstoff, um jederzeit immer irgendwen gegen sich aufzubringen. Es ist jedoch lange her, dass so etwas überhaupt passiert ist.

© Public Domain

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Mittlerweile sind es hingegen genau diese Punkte, die dafür sorgen, dass Visconti kaum mehrwahrgenommen wird. Ästhetizismus und ein elitäres Kunstverständnis sorgen natürlich kaum für Massen von Zuschauern. Um es überspitzt zu sagen: Der ideale Visconti-Zuschauer kennt seinen Proust auswendig, kann alle Rheintöchter auseinanderhalten und liest den Zauberberg zum Abendbrot. Aber wer ist dazu heute noch in der Lage?

Kaum jemand, aber darauf kommt es auch nicht unbedingt an. Das führt aber wiederum zu einem Punkt, der dafür verantwortlich ist, dass ich Luchino Visconti so schätze (man kann das ihm aber natürlich auch zu Recht vorwerfen). Er ist geistig ein Kind des 19. Jahrhunderts. Ich kenne keinen anderen Regisseur, der es so versteht, den Zuschauer in diese vergangene Welt zu versetzen.

Vielleicht ist es Einbildung, aber in Viscontis Kostümfilmen scheint es eine andere Zeit zu geben. Seine Figuren bewegen sich anders, so als hätte es die unaufhaltsame Beschleunigung der Moderne nie gegeben. Johann Wolfgang von Goethe spricht hier sehr schön vom „Veloziferischen“. Diese Neuschöpfung ist aus „velocitas“ (Eile ) und dem allseits bekannten Luzifer zusammengesetzt und steht für gewissermaßen für „höllische Geschwindigkeit“. Man spürt sie ganz leicht, aber im Grunde ist sie bei Visconti kaum merklich.

Man kann in Viscontis Werken versinken, da sie wie klassische Kunstwerke rezipiert werden sollen. Natürlich passiert es immer wieder, dass man Details nicht versteht, etwa hinsichtlich der italienischen Geschichte in Il Gattopardo. Dann schlägt man eben nach. Entscheidend ist aber etwas ganz anderes. Das pure ‚Kinematographische‘ ist das Faszinierende… Details, etwa wie eine Frau einen Sonnenschirm hält oder ein Pferd durch den Schnee trabt.

Daher mein Tipp: Unabhängig vom Inhalt sollte man sich einfach einen Visconti-Film aus rein ästhetischen Gründen ansehen und wirken lassen. Es lohnt sich!

Zum Schluss noch eine Liste mit meinen Favoriten (in beliebiger Reihenfolge, alle sind für das Heimkino leicht zugänglich):

  • Morte a Venezia (1971):  Viscontis bekanntester Film ist für mich die mit Abstand beste Thomas-Mann-Adaption. Wie er die gerade für ihre Unverfilmbarkeit bekannte Novelle umgesetzt hat, ist faszinierend und von seltener Schönheit.
  • Il Gattopardo (1963): Die einstündige Ballszene muss man gesehen haben. Meiner Meinung nach ist dieses sizilianische Epos Viscontis  zentraler Film, auf den alles zuläuft.
  • La caduta degli dei (1969): Eine einmalige Melange aus Mythen-Mix, Faschismus-Analyse, Buddenbrooks (!) und Freakshow. Dazu gibt es einen diabolischen Helmut Berger in Bestform, was will man mehr?
  • Rocco e i suoi fratelli (1960): Dieses dreistündige Werk mit einem jungen Alain Delon ist aufgrund seines visuellen Stils gerade für Fans von Raging Bull interessant. Ohnehin verdankt das New Hollywood Visconti sehr viel  (vergleicht doch nur mal  Il Gattopardo und The Godfather).
  • Senso (1954): Wer Melodrama nicht mag, sollte einen sehr weiten Bogen machen. Freunde gepflegten emotionalen Überschwangs sind bereits bei den einleitenden Opernszenen hingerissen.

Jonas Reinartz hat in Köln Deutsch, Geschichte und Englisch studiert und macht gerade ein Praktikum bei einer Online-Agentur. Daneben schreibt er für verschiedene Online-Formate über Film, Literatur und Marketing. Seine Lieblingsthemen im Filmbereich sind der italienische Autorenfilm und New Hollywood.

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