Warum Selfless uns alle angeht

by on 08/11/2015

Das Wichtigste zuerst: Selfless – Der Fremde in mir ist kein typischer Tarsem Singh Film. Auf die skurrilen farbenprächtigen Welten, das Gefühl, in ein Gemälde von Dalí eingestiegen zu sein, müssen wir hier bedauerlicher Weise verzichten. Das ist enttäuschend, aber ich wäre nicht ich, wenn ich nicht auch diesem deutlich seichter wirkenden Werk des Regisseurs etwas abgewinnen könnte. Doch liegt der Mehrwert hier eben nicht auf der visuellen, sondern der subtextuellen Ebene.

Zwei Elemente oder auch Themenkomplexe stehen im Zentrum der Science Fiction Handlung, die um die Möglichkeit kreist, den eigenen Geist in einen jungen, gesunden Körper zu überführen. Keines der Themen ist wirklich ist wirklich neu so wie auch die Idee des Films selbst nicht sonderlich originell ist (mir fällt zu dem Thema spontan die schwedische TV-Serie Real Humans ein, aber es gibt sicher noch weitere). Dass sich bestimmte Motive in einer popkulturellen Schleife des ewig Gleichen wiederholen ist aber nur noch ein weiterer, einmal genauer hinzusehen.

© Concorde

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Da ist zum einen die Identitätskrise des modernen Mannes, die sich auch in dem zeitgleich startenden Boxerdrama Southpaw findet. Ein in die Jahre gekommener Mann (zunächst gespielt von Ben Kingsley) bekommt durch den angeblich im Labor gezüchteten Idealkörper (Ryan Reynolds) eine zweite Chance. Wo er als Mensch, vor allem aber als Vater und Ehemann versagt hat, darf er nun noch einmal alles richtig machen. Wie in den meisten Filmen dieser Tag kann der Held kein Held sein, ohne auch gleichzeitig ein guter Vater zu sein beziehungsweise zu werden. Ach, ist das nicht herzerweichend wenn Ryan Reynolds Filmtochter Anna das Schwimmen beibringt?

Der egozentrische Geschäftsmann Damian, dem es zu Lebzeiten nicht gelungen ist, der eigenen Tochter Liebe und Wertschätzung entgegenzubringen, darf sich durch ein Abenteuer neu beweisen und schließlich ganz und gar zu dem Mann werden, der er sein will (oder den die Gesellschaft haben will): Ein liebevoller Haudrauf mit wohl proportioniertem Brustpelz. Der Wechsel von einem Körper in den nächsten und das daraus resultierende Verwirrspiel mit Identitäten und Erinnerungen sind ein Bild für diese Selbstfindungskrise.

Die Krise wird eingeleitet durch einen Moment der Erkenntnis. Die Erkenntnis lautet „Du bist nicht der, der Du zu sein glaubst“ und ist Ausdruck von Paranoia und Entfremdung. Was ist, wenn wir eines Tages erkennen, dass das was wir für „männlich“ gehalten und positiv bewertet haben sich plötzlich als Finte herausstellt, eigentlich gar nicht lobenswert, sondern aufs Schärfste zu verurteilen ist. Was für ein Albtraum!

© Concorde

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Aber die Erkenntnis ist eine doppelte und hier komme ich zum zweiten Themenkomplex des Films. Selfless – Der Fremde in mir ist eine Kritik der kapitalistischen Klassengesellschaft, die sich im Grunde auf unsere gesamte globalisierte Welt übertragen lässt. Der albtraumhafte Moment der Erkenntnis bedeutet in diesem Kontext die Bewusstwerdung über den Preis der eigenen Lebensqualität. Damit ich billig bei Primark einkaufen kann, müssen andernorts Angestellte unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten. Und damit Damian weiterhin einen gesunden Körper hat, muss… Das will ich nicht verraten. Nur so viel sei gesagt: Jeder Luxus hat seinen Preis. Bedauerlicher Weise wird er selten von demjenigen gezahlt, der den Luxus genießt.

Selfless – Der Fremde in mir spricht über den Moment, in dem ich nicht mehr guten Gewissens bei Primark einkaufen kann, weil ich an die unterbezahlten Kinderarbeiter_innen denken muss. Über den den Moment, in dem ich beim Discounter kein Fleisch mehr kaufen kann, weil ich an gequälte Tiere denke. Über den Moment, in dem ich mein Auto abschaffe, weil ich keinen Teil zur Klimaveränderung beitragen möchte. Es sind diese Erkenntnismomente, in denen wir unliebsame Zusammenhänge realisieren. Wir möchten die Augen davor verschließen, denn es ist wie mit der roten und blauen Pille bei Matrix: Schluckst Du die falsche, also entscheidest Du Dich für die Realität, kannst Du nie wieder in die Illusion zurück.

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In Selfless – Der Fremde in mir ist es die reiche Oberklasse, die auf Kosten der Ärmeren und Machtloseren lebt – eine Tendenz, die in der westlichen wie auch in der globalisierten Welt insgesamt mehr und mehr traurige Realität wird. Wie jeder gute Science Fiction Film treibt auch Selfless es lediglich auf die Spitze: Es sind die Reichen und Mächtigen, die unsterblich werden. Und die Reichen und Mächtigen sind realistischer Weise ausschließlich weiße, heterosexuelle Männer.

Und deshalb ist Selfless – Der Fremde in mir nicht einfach nur Unterhaltungskino, sondern auch ein fuchtelnder Zaunpfahl, der uns alle anspricht. Der uns auffordert „selbstlos“ zu sein, unser eigenes Wohl, unser Selbst, aus dem Zentrum unseres persönlichen Universums zu rücken, um Raum zu schaffen für das große Ganze, für Nächstenliebe und Verantwortung. Ob das auch alle verstehen, wage ich jedoch zu bezweifeln. Ich würde annehmen, dass insbesondere weiße, heterosexuelle Männer in diesem Film nichts weiter sehen als ein kurzweiliges Sci-Fi- Vergnügen. Alles andere wäre ja auch einfach zu albtraumhaft!

Kinostart: 20. August 2015

Pressespiegel bei film-zeit.de

 

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