Wer hat Angst vor Sibylle Berg – Zwischen Ausdruckstanz und Todesdramolett

by on 04/05/2016

Flattr this!

© Zorro / 24 Bilder

© Zorro / 24 Bilder

Das Schreiben sei für sie nichts Heiliges, sagt Sibylle Berg. Thomas Mann finde sie doof und Günter Grass könne unter Garantie keinen Spagat. Deswegen müsse sie auf ihren Autorenfotos auch nicht den Kopf in die Hand stützen, weil es weiblichen Schriftstellerinnen im Gegensatz zu alten Männern ohnehin nicht zustünde die Welt zu erklären. Frauen schreiben über ihre Depressionen.

Sibylle Berg ist ein wandelndes Mysterium: ausgesprochen scheu im Umgang mit Journalisten, durchaus exzentrisch im Auftreten, ihr Wikipedia-Eintrag enthält in jeder Sprache ein anderes Geburtsjahr. Es lässt sich nur mutmaßen, dass ihr das gefällt. Und zu provozieren scheint die Autorin auch. Wiltrud Baier und Sigrun Köhler – auch bekannt als das Duo Böller und Brot (oder von Berg liebevoll „die Doku-Schlampen“ genannt) beginnen ihren Dokumentarfilm über sie, indem sie vorlesen, mit welch blumigen Begriffen die deutschsprachigen Feuilletons Berg betiteln: Hasspredigerin, Designerin des Schreckens, letzte freie Radikale. „Falsch, falsch, falsch“, entrüstet sie sich im Hintergrund. Die Autorin, in deren Lebenslauf ein Ozeanografiestudium neben der Arbeit als Putzfrau steht. Der Unterricht im Eistauchen neben der Ausbildung im Ausdruckstanz. Die Flucht aus der DDR neben dem Lebensmittelklau in der Schweiz. Die alkoholkranke Mutter neben einem verheerenden Autounfall. Legendäre fünfzig Absagen allerlei Verlagshäuser neben unzähligen Kolumnen, Theaterstücken, Hörspielen, Romanen, Lesungen, Fernsehauftritten.

© Zorro / 24 Bilder

© Zorro / 24 Bilder

Wie geht man einen Dokumentarfilm über einen Menschen an, dessen Biografie klingt wie im Überschwang erdacht? Vielleicht ist es schon falsch zu sagen, dass Wer hat Angst vor Sibylle Berg ein Film über Sibylle Berg ist. Denn wem ihr Name vorher ein Begriff war, der wird hinterher nicht signifikant mehr über ihre Person wissen. Aber wie soll das auch gehen? Himmel, Berg kann das Schreckenswort ‚Authentizität‘ noch nicht einmal aussprechen. Also begleitet die Kamera von Böller und Brot (das Duo übernimmt hier gleichermaßen Regie, Produktion, Kamera, Ton und Schnitt) sie einfach an die unterschiedlichsten Orte: in Häuser in L.A. und im Schweizer Tessin, in denen Sibylle Berg gern wohnen würde. An einen riesigen Staudamm, von dem pro Woche drei Selbstmörder in die Tiefe springen. Zu den Proben ihres neuen Stücks. In ihre alte Clownschule. Auf ihren liebsten Lieblingsdschungelpfad, wo sie sich mit den Filmemacherinnen leidenschaftlich darüber streitet, ob es sich bei den Pflanzen am Wegesrand um Waldmeister oder ein Labkraut handelt. Zu Lesungen, zu Interviews mit Olli Schulz und in Berliner Parks mit ihren Freundinnen Katja Rie- und Helene Hegemann. Klassische Interviewsituationen bleiben eine Seltenheit, Berg kann sich Interessanteres vorstellen als über ihre Vergangenheit nachzudenken.

Trotzdem scheint Wer hat Angst vor Sibylle Berg ein wenig die Attitüde seiner Protagonistin zu fehlen. Der Mut zum Beispiel, die Inszenierung so weit zu treiben, bis ein deutschsprachiges Äquivalent zum brillanten 20.000 Days on Earth herausgekommen wäre. Zu Sibylle Berg hätte das perfekt gepasst. So aber schaffen Baier und Köhler einen etwas unentschiedenen Film, dessen Mittel Authentizität aus dem Programm streichen, sie aber gleichzeitig suggerieren. Der Interviews verdammt, aber doch nicht ohne sie kann. Der „Todesdramolett“-Prätentionen ablehnt, aber doch nicht ohne bedeutungsschwangere Musikfetzen und an Kunst gemahnende Untertitel auskommt. Bei dem sich irgendwann die Frage stellt, ob seine Kurzweiligkeit lediglich von der Aura seiner Hauptfigur herrührt. Ab und zu scheint auch ihr das aufzugehen, dann schimpft sie – allerdings ohne ernstzunehmenden Groll – über „idiotische Kackfragen“ und erkundigt sich nach der Drehgenehmigung ihrer Regisseurinnen. Wenn man genau darüber nachdenkt: ja, das größte Faszinosum in Wer hat Angst vor Sibylle Berg ist Sibylle Berg selbst. Das ist wohl nicht das Schlechteste, was sich über einen Dokumentarfilm sagen lässt.

Kinostart: 28. April 2016

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* 7+0=?

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.