Wie der Wind sich hebt – Würdiges Finale

by on 12/16/2014

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© Universum Film

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Ich weiß nicht, ob die Zurruhesetzung von Hayao Miyazaki wirklich eine Zurruhesetzung ist. Der Anime-Altmeister hat sich schließlich schon ein paar Mal zur Ruhe gesetzt. Wenn es so ist, dann findet sein Anime-Werk mit Wie der Wind sich hebt aber ein würdiges Finale. Alle Filme von Hayao Miyazaki befassten sich mit dem Übernatürlichen als Symbol. Wie der Wind sich hebt bricht mit dieser Tradition, um die (stark fiktionalisierte) Geschichte des japanischen Flugzeugingenieurs Jiro Horikoshi zu erzählen.

Jiro Horikoshi war ein bedeutender Ingenieur, der unter anderem Japans Zero Maschine designte, die längere Zeit während des Zweiten Weltkriegs als hochleistungsfähig galt und auch bei den Kamikaze-Angriffen auf Pearl Harbor Verwendung fand. Wie der Wind sich hebt zeigt die Besessenheit des perfektionistischen Jiro, der bereits seit seiner Kindheit vom Flugzeugbau träumt und dabei seinem Idol Giovanni Batista Caproni nacheifert. Sein Perfektionismus reibt sich aber an seinen Lebensumständen, denn seine Frau leidet an Tuberkulose. Nicht immer gelingt Jiro die richtige Balance und schlußendlich droht auch noch der Krieg.

Wie der Wind sich hebt orientiert sich zeitlich an den verschiedenen Entwürfen, die Jiro Horikoshi bei Mitsubishi unterbrachte und endet mit seinem erfolgreichen Entwurf der Zero. Hayao Miyazaki ist flugzeugbegeistert wie bereits Porco Rosso zeigte und Wie der Wind sich hebt zeigt diese Liebe auf dieselbe Art: Visueller Fokus liegt für gewöhnlich auf den Maschinen, ihrer Funktionsweise. Hayao Miyazaki und Studio Ghibli wissen wirklich, wo die Ästhetik in Maschinerie liegt und bringen das durch ihre fließende Animation zum Ausdruck, die mich die Materialität und die elegante Physik des Flugzeugs gleichzeitig spüren ließ. Wer bei der Planung von Flugzeugen an langweilige Blaupausen und Formeln denkt, wird in Wie der Wind sich hebt dank des Blicks durch Jiros begeisterte Augen eines besseren belehrt.

Und die Begeisterung Jiros äußert sich auch in Traumsequenzen, in denen er dem italienischen Flugzeugingeneur Giovanni Caproni begegnet. Der fungiert im Film als so etwas wie ein spiritueller Führer für Jiro, der manchmal nicht so recht weiß, wohin mit seiner Genialität: Am Ende wird das Militär doch ohnehin alles annektieren und kaputtmachen. Passagiermaschinen gefallen ihm da besser. Capronis eigene Entwürfe kommen in Jiros Träumen vor, große, heute fast lächerlich wirkende Maschinen. Für den Film bietet deren Integration in Jiros Traumwelten aber eine Verbindung des Zuschauers zu Jiros Grunddenken, dass in punkto Flugmaschinen eher dem Fantastischen und Eleganten, als dem rein Funktionalen zugetan ist.

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Das Fantastische spielt in Wie der Wind sich hebt auf den ersten Blick eine untergeordnete Rolle. Das, obwohl so ziemlich jeder Studio Ghibli und Hayao Miyazaki Film übernatürliche Komponenten hat. Letztendlich ist Wie der Wind sich hebt aber auch eine Fiktionalisierung. Die persönlichen Details aus dem Leben von Jiro Hirokoshi sind vollständig erfunden. Das ändert nichts daran, dass es genau so gut wahr sein könnte. Umso besser finde ich es, dass Hayao Miyazaki dem Mann, von dessen Schaffen er so begeistert ist, keine weiße Weste verpasst hat. Jiro trifft im Laufe des Films eine Entscheidung, für die ich vermutlich den Kontakt abbrechen würde. Trotzdem bleibt er am Ende des Films ein Mensch, der lediglich durch die Größe seiner fachlichen Leidenschaft korrumpiert wurde.

Die Filme von Hayao Miyazaki und Studio Ghibli haben oft eine Moral, ebenso wie die Filme aus dem Hause Disney (nur wohl etwas subtiler). In Wie der Wind sich hebt wäre es eben die Moral, sich zwar von seinen Träumen leiten zu lassen, ihnen aber nicht blind zu folgen. Es ist eine erwachsene Geschichte mit einer Moral für Erwachsene. Vielleicht der nun gereifte, symbolische Rückblick auf ein kreatives Leben.

Was nicht heißt, dass ich Wie der Wind sich hebt nicht auch einem Kind zeigen würde. Was mich,  und ich denke viele andere auch, immer wieder zu Studio Ghibli zurückzieht, ist der magische Realismus kombiniert mit der Flüssigkeit der Bewegung. Ein Ghibli-Film spielt grundsätzlich in einer magischen oder zumindest träumerischen Welt, egal ob die Geschichte magische Elemente beinhaltet. Die Konsequenzen, denen die Charaktere für ihre Handlungen ausgesetzt sind, bleiben aber realistisch und oft grausam. Wie ein klassisches Märchen. Die richtige Altersgruppe für einen Film von Hayao Miyazaki zu finden ist schwierig, weil jeder seiner Filme relevante Elemente für viele Altersgruppen beinhalten. So werden auch harsche Themen wie Tuberkulose und der Zweite Weltkrieg erzählerisch verpackt, dass sie als Dinge, die eben leider in der Welt sind, verstanden werden können.

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Interessant finde ich, dass er und sein Studio sich mit diesem Film von den klassischen Märchen und Fabeln loslösen, um eine mehr in der Realität fussende Geschichte zu erzählen. Das erinnert mich an den Film Dreaming Machine von Satoshi Kon, der nach dessen Tod 2010 posthum das Licht der Welt erblicken soll (und über den es noch keine neuen Informationen gibt). Dreaming Machine steht im Gegensatz zu Kons bisherigen, thematisch und erzählerisch oft sehr erwachsenen (und oft auch gewalttätigen) Filmen, indem es sich um eine (Roboter-)Fabel handelt, die sich an ein jüngeres Publikum richtet. Zwei Anime-Schaffende, die von unterschiedlichen Startpunkten aus am Ende ihrer Film-Karriere noch einmal in eine andere Richtung gingen.

Wobei ich natürlich nicht sicher weiß, ob Hayao Miyazaki nicht noch einmal einen Film macht. Die Frage ist, was das dann für ein Film sein wird. In jedem Fall denke ich, dass sich der kreative Wind für Hayao Miyazaki noch nicht gelegt hat. Auch, wenn er fürs Erste nur Comicpapier durch die Lüfte wehen wird.

Verkaufsstart: bereits erschienen

 

 

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