Wish I Was Here – Die Männlichkeitskrise des Zach Braff

by on 08/28/2014
© Wild Bunch

© Wild Bunch

Garden State gehört zu meinen absolute Lieblingsfilmen, die Musik zu meinen Lieblingssoundtracks und das Drehbuch zu den von mir am meisten zitierten Filmdialogen. Als ich erfuhr, dass Zach Braff mit Wish I Was Here endlich sein zweites Regiewerk nachlegen würde, konnte ich das Ergebnis gar nicht abwarten. Die ganze Diskussion um die umstrittene Crowdfunding Kampagne – Ist so jemand wie Zach Braff wirklich auf Crowdfunding angewiesen? – vermied ich sehr bewusst, um mir meine Bewunderung für das Ausnahmetalent des Filmemachers zu behalten. Und das Wort „Ausnahmetalent“ benutze ich nicht leichtfertig!

Über Wish I Was Here ließen sich Romane schreiben, so reich ist der Film an kleinen Geschichten und Anspielungen, an Themen des zeitgenössischen alltäglichen Lebens. Und dies macht, wie schon bei Garden State, den Charme der Tragikomödie aus. Doch fehlt diesem Zweitwerk die Unbeschwertheit, die locker leichte lebensbejahende Grundstimmung des vorhergehenden Kultfilms. Man merkt Wish I Was Here einfach an, dass Zach Braff versucht hat, die Wirkung seines ersten Films zu wiederholen. Bedauerlicher Weise geht es auch nicht anders. Braff kann nicht noch einmal bei null anfangen, sondern muss auf seinem bisherigen Oeuvre aufbauen. Deshalb kann Wish I Was Here, so traurig es auch sein mag, von Natur aus nicht dieselbe Unbedarftheit entwickeln wie der Vorgänger.

Um einen Vergleich der Filme komme ich nicht herum, kreisen sie doch um die gleichen Themen. Wieder geht es um die Auseinandersetzung mit dem Tod, mit der Endlichkeit des Lebens in Verbindung mit einer familiären Krise. Wieder geht es um die Suche nach dem ganz persönlichen Glück und wieder spielen Depressionen und Versagensängste Schlüsselrollen für die Entwicklung der Figuren. Bei all dem ist Wish I Was Here jedoch deutlich weniger skurril als Garden State. Nur ganz selten erfreut uns Zach Braff mit den für ihn so typischen Bildern alltäglichen Irrsinns, in denen es ihm gelingt, das Absurde im Realen herauszuarbeiten. Deutlich öfter jedoch gleitet er beim Versuch dieses sehr nuancierten Humors in den Slapstick ab.

Eine künstlerische Krise durchlebt auch Braffs Leinwand-Ego Adrian. Der gescheiterte Schauspieler muss auf Grund finanzieller Engpässe seine Kinder von der jüdischen Privatschule nehmen und zu Hause unterrichten. Währenddessen erliegt sein Vater einer Krebserkrankung, sein Bruder geht trotz allem einer Versöhnung aus dem Weg und Adrians Frau Sarah (Kate Hudson) wird am Arbeitsplatz sexuell belästigt. Das sind mehr als genug Probleme für den Helden in der Krise.

Stärker als Garden State ist Wish I Was Here auch ein Film über Männlichkeit im 21. Jahrhundert. Adrian und sein Bruder Noah (Josh Gad) stehen unter dem väterlichen Druck, sich ständig selbst zu beweisen – eine Situation, die hier völlig zu Unrecht nur den Männern vorbehalten ist. Selbst im Krankenhausbett wird der Vater (Mandy Patinkin) nicht müde, Adrian sein Versagen als Ernährer vorzuwerfen. Schließlich ist es Sarah, die mit einem stupiden Bürojob den Lebensunterhalt der Familie sichert. Obwohl Braff hiermit auch ein Problem moderner Beziehungskonstellationen in den Blick nimmt, tappt er doch in die Hollywood-Sexismus-Falle. Sarah bleibt eine vollkommen isolierte Figur, ohne soziale Kontakte, die zwar als Berufstätige vermeintlich emanzipiert ist, letztlich aber doch die Rolle der emotionalen Unterstützerin der männlichen Figuren übernimmt. Tochter Grace (Joey King) tritt denn schließlich in die Fußstapfen ihrer Mutter, wenn sie als Auslöser für die Versöhnung in letzter Sekunde fungiert. An dieser Stelle hätte ich Zach Braff deutlich mehr feministischen Weitblick zugetraut.

Der Regisseur/Hauptdarsteller/Co-Autor scheint zu sehr um sich selbst und die Auseinandersetzung mit der Vaterfigur und der eigenen Männlichkeit zu kreisen. Er tut dies höchst sensibel, kann das Publikum immer wieder durch seine treffenden Beobachtungen kleiner, alltäglicher Emotionen berühren. Dann aber wieder verliert er sich in prätentiösen Montagen, die nicht nur mit gefühlsduseliger Musik, sondern auch pseudo-lyrischen Voice-Overn unterlegt sind. Wie schon gesagt: Braff gibt sich einfach zu viel Mühe.

Eigentlich ist nämlich alles vorhanden: Eine wunderschöne, sehr kleine und damit besonders intime Geschichte. Großartige und absolut treffend besetzte Schauspieler, auch wenn Kate Hudson für ihren Part vielleicht einen Tick zu viel Erotik ausstrahlt. Ein Schuss Groteske, sanfter Humor und vor allem eine spürbare Liebe zu allen Charakteren. Wish I Was Here hat unfassbar viel Herz. Und deshalb ist es überhaupt nicht notwendig, dem Zuschauer  mit einer rührseligen Szene nach der anderen Tränen abzuluchsen. Die rollen ganz von alleine, weil Zach Braff ein Meister darin ist, zärtliche Portraits von Menschen mit Ecken und Kanten zu zeichnen. Trauer, Wut und Schmerz. Enttäuschung, Schuld und Hoffnungslosigkeit. All das ist Teil des Lebens und Teil dieses Films. All das dürfen wir fühlen und erleiden. Und trotzdem geht am Ende wieder die Sonne auf. Wie tief wir auch in den „unendlichen Abgrund“ eintauchen, um ihn zu erforschen, es gibt immer wieder einen Weg nach oben, zum heilenden, reinigenden Sommerregen und dem Gefühl von Freiheit und Lebendigkeit.

Das war schon die Botschaft in Garden State. Und das ist auch die Botschaft von Wish I Was Here. Ein bisschen gewollt, aber nicht weniger tröstlich.

Kinostart: 09. Oktober 2014

Pressespiegel bei film-zeit.de 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.