Zurück in die Zukunft, wir und die Medien

by on 05/02/2013

Ich schreibe selbst als Filmkritiker, aber über Film schreiben heißt nicht zwangsläufig, dass man das nur im Form einer Kritik oder Rezension machen muss. Dies geht auch aus film- und medienwissenschaftlicher Sicht. In meiner Kolumne „Back To The Film Studies“ will ich mich daher aktuellen aber auch nicht aktuellen Filmen, Serien und ganzen Genres widmen und hier einzelne interessante Aspekte aus film- und medienwissenschaftlicher Sichtweise beleuchten und besprechen.

Retrospektiv betrachtet, zaubern manche Science-Fiction-Filme heute einem doch das ein oder andere Lächeln auf die Lippen: Pan Am ist nicht in den Weltraum geflogen (2001: A Space Odyssey), wir haben keinen Kontakt aufgenommen (2010: The Year We Make Contact), die Welt ist nicht untergegangen (2012), Manhattan ist nicht zum Gefängnis geworden (John Carpenter’s Escape from New York) und Replikanten leben (noch) nicht unerkannt unter uns (Blade Runner). Gemein ist all diesen Geschichten jedoch, dass sie – trotz aller futuristischen und technischen Utopien und Visionen – immer noch ein bisschen Gegenwart, ein bisschen „klassische Medien“ in sich haben und so auch die Back to the Future-Trilogie von Robert Zemeckis.

Spätestens seit dem ersten Teil, in dem Marty McFly (Michael J. Fox) ins Jahr 1955 reist, wissen wir, dass Zeitreisen nicht auf die leichte Schulter zu nehmen sind. Einmal nicht aufgepasst und den eigenen Vater vor einem heranfahrenden Auto gerettet, schon hat man die Zeitlinie verändert und seine eigene Existenz auf’s Spiel gesetzt. Immer der Gefahr ausgesetzt „aus dem Leben ausradiert“ zu werden, ist es – trotz aller technischen Möglichkeiten, die sich im Science-Fiction-Genre bieten – wichtig etwas im wahrsten Sinne des Wortes Handfestes bei sich zu haben, dass einem versichert, noch immer zu existieren. Nicht ohne Grund hat daher Marty immer das Gruppenfoto von sich und seinen Geschwistern dabei. Das Medium Foto, das mit seiner Indexikalität darauf verweist, dass man noch da ist, denn wenn ich auf dem Foto zu sehen bin, muss ich damals beim Entstehen des (analogen) Fotos vor der Kamera gestanden haben und daher folgerichtig auch noch hier sein. Umso schlimmer ist es dann, wenn schließlich auch dieses Medium einem die Botschaft der Sicherheit versagt und mit angesehen werden muss, wie man selbst auf dem Foto und damit aus der Wirklichkeit verschwindet.

Filmstill aus Back to the Future. Regie: Robert Zemeckis © Universal Pictures, Amblin Entertainment, U-Drive Productions

Indexikalität als Bestätigung der eigenen Existenz
Filmstill aus Back to the Future.
Regie: Robert Zemeckis © Universal Pictures, Amblin Entertainment, U-Drive Productions

Jenseits der großen philosophischen Frage, die damit einhergeht, braucht es scheinbar immer etwas, das wir „lesen“ und in Händen halten können, damit wir sicher sind, dass es uns gibt, das etwas stattgefunden hat oder wir zumindest da waren: das Erinnerungsfoto von Doc Brown (Christopher Lloyd) und Marty vor der Hill Valley Rathausuhr im Wilden Westen, die fast schon klassische Inschrift auf einem Stein oder einem Objekt (die Grabsteine von Doc Brown und Martys Vater oder die Markierung von Doc Brown in der Mine, in der er die Zeitmaschine versteckt hat) oder der Ausdruck auf Papier aus dem Jahr 2015, der bestätigt „Sie sind gefeuert“. Gerade letzteres ist wohl bezeichnend für dieses menschliche Bedürfnis nach etwas Fassbarem, wenn in einer Zukunft, in der es Hoverboards, fliegende Autos und dehydrierte Pizzas gibt, noch auf Papierausdrucke gesetzt wird, statt auf digitale Darstellungen aus Bits und Bytes.

Filmstill aus Back to the Future III. Regie: Robert Zemeckis © Universal Pictures, Amblin Entertainment, U-Drive Productions

„Einschreibe-Medien“ als Beleg für die Existenz
Filmstill aus Back to the Future III.
Regie: Robert Zemeckis © Universal Pictures, Amblin Entertainment, U-Drive Productions

Diese „klassischen“ Einschreibe-Medien, die etwas auf Papier, Stein oder auf eine chemische Schicht festschreiben und nicht eines externen Lesegerätes bedürfen, sind nicht nur das klassische Beweismittel für die Präsenz, sondern folgerichtig auch das beste Mittel um eine Botschaft, eine Information sicher über die Jahre hinweg zu übermitteln und somit auch der immer wiederkehrenden medienwissenschaftlichen und hier vereinfachten Frage zu entgehen: „Wie lese ich Informationen, wenn ich nicht das passenden Lesegerät dafür habe?“. So ist es auch irgendwie logisch, dass ein Papierflyer, die Informationen über den genauen Zeitpunkt des Einschlags eines Blitze übermittelt und ein Foto, das keines anderen Lesegeräts als die eigenen Augen bedarf, dazu dient, Doc Brown im Hill Valley von 1885 davon zu überzeugen, dass er bei einem Duell mit Buford „Mad Dog“ Tannen umkommen wird. Es ist jedoch nicht ein gewisse Ironie abzustreiten (oder vielleicht ist sie gerade bezeichnend für dieses menschliche Bedürfnis), dass es trotz der tiefen Freundschaft zwischen Doc Brown und Marty, immer noch ein Foto als Beweismittel herhalten muss, um für alle Beteiligten (die Zuschauer eingeschlossen), die bevorstehenden Ereignisse noch einmal zu untermauern und am Ende eben dieses Foto den Erfolg der Mission bestätigt, in dem der darauf gezeigte Inhalt verschwindet.
In die Reihe der „Botschafter durch die Zeit“ reiht sich wohl auch der handgeschriebene Brief von Doc Brown an Marty ein, bevor der DeLorean im zweiten Teil der Trilogie vom Blitz getroffen wurde, und der die Jahre überdauert hat und mehr als 50 Jahre bei der Post darauf gewartet hat, seine Botschaft zu übermitteln: „Ich habe überlebt“.

Diese Einschreibe-Medien sind aber nicht nur Bestätigung der eigenen Existenz oder Beweismittel, sondern sie sind auch indirekte Boten der Veränderungen. Während Marty und Doc Brown sich auflösen, durch die Zeit reisen und sich den Veränderungen und dem Zeitfluss entziehen, verändern sich, gewollt oder ungewollt, die Dinge um sie herum oder werden es zumindest – je nach dem Zeitpunkt von dem man die Sache betrachtet. Es sind z.B. daher die Wahlplakate von Goldie Wilson (Donald Fullilove) in 1985, die davon zeugen, dass der Goldie Wilson aus dem Jahr 1955, nun endlich der erste schwarze Bürgermeister ist. Oder es ist das Namensschild der Mall, das sich von „Twin Pines Mall“ in „Lone Pine Mall“ verändert, nachdem Marty eine der beiden namensgebenden Kiefern in der Vergangenheit überfahren hat. So sind auch hier, trotz aller Unterschiede, die es zwischen einer vermeintlich „modernen“ und technisch fortgeschrittenen Zeitmaschine und z.B. einem einfachen analogen Foto geben mag, eben letztere klassische Medien, die dauerhaft und am beständigsten sind. Denn es sind eigentlich nicht die Medien (das Foto als physisches Objekt) selbst, die sich über die Zeit hinweg verändern, sondern vielmehr die Botschaften, die sie transportieren.

Filmstill aus Back to the Future. Regie: Robert Zemeckis © Universal Pictures, Amblin Entertainment, U-Drive Productions

Filmstill aus Back to the Future. Regie: Robert Zemeckis © Universal Pictures, Amblin Entertainment, U-Drive Productions

Medien als Zeugen des Wandels und der Veränderung
Filmstills aus Back to the Future. Regie: Robert Zemeckis © Universal Pictures, Amblin Entertainment, U-Drive Productions

Vielleicht werden sich in Zukunft all die Visionen der Science-Fiction-Filme verwirklichen lassen und wir werden eines Tages auch durch die Zeit reisen können. Da gibt es einem, so möchte ich mal behaupten, irgendwie ein Gefühl der Sicherheit, dass trotz aller technischen Fortschritte, Dinge bleiben, die die Zeit überdauern und, bevor wir mit unserem DeLorean in einem Funkenregen durch die Zeit reisen und uns womöglich in unsere Atome auflösen, Zeugnis von uns geben und zumindest eine handfeste Botschaft hinterlassen können – und sei es nur: „Ich war hier“.

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