Die zwei Gesichter des Januars und das Melodramen-Dilemma

by on 03/25/2014

Flattr this!

© Studiocanal

© Studiocanal

Der Januar ist nicht nur ein grauer und nasskalter Monat, sondern auch eine römische Gottheit mit zwei Köpfen. Der Gott des Anfangs und des Endes. Im alten Rom befinden wir uns in Die zwei Gesichter des Januars trotzdem nicht, sondern stattdessen im Griechenland der 1960er Jahre. In Griechenland war ich mal vor ein paar Jahren, wenn auch nur auf der Insel Rhodos. Eine schöne Insel, wenn sie auch neben ansehnlicher Landschaften kaum etwas zu bieten hat als den Charme ihrer Vergangenheit. Schön war das, aber irgendwie auch keine Erfahrung, die einen besonders horizonterweiternden Eindruck hinterlassen hat.

Auch Chester MacFarland (Viggo Mortensen) und seine Frau Colette (Kirsten Dunst) wollen sich in Griechenland von der uralten Zivilisation begeistern lassen, die dort noch immer in Form imposanter Ruinen sichtbar ist. Bei ihren Besichtigungen lernen sie den amerikanischen Fremdenführer Rydal (Oscar Isaac) kennen, der sich seinen Lebensunterhalt damit verdient, Touristen nicht nur herumzuführen, sondern sie auch frech übers Ohr zu hauen. Zu den MacFarlands fühlt er sich schnell hingezogen, Chester erinnert ihn nämlich an seinen kürzlich verstorbenen Vater und die attraktive Colette bezaubert ihn vom ersten Augenblick an. Die Einladung zu einem gemeinsamen Abend schlägt er deswegen nicht aus; worauf er sich dabei allerdings einlässt, ist ihm zu diesem Zeitpunkt noch völlig unklar. Der auf den ersten Blick so korrekte Mr. MacFarland trägt selbst keine weiße Weste: eiskalt kalkulierter Betrug hat ihm haufenweise Schulden und zahlreiche Feinde eingebracht und als ersten Gefallen bittet er Rydal, ihm bei der Beseitigung einer Leiche zu helfen. Von diesem Augenblick an ist das Schicksal der drei Amerikaner aneinander geknüpft.

Ich erinnere mich noch lebhaft an zahlreiche Schulstunden, in denen mir in meinem Leistungskurs Deutsch eingebläut wurde, dass die Vertreter der Weimarer Klassik die griechische Antike als ein Ideal ansahen. Ich weiß nicht, wie oft ich während des Films an diesen Grundsatz denken musste. Keine Angst, es gibt weder ausschweifende literarische Exkurse in diesem Streifen, noch stundenlange Fahrten über die architektonischen Hinterlassenschaften der alten Griechen. Die Ruinen sind einfach nur da, unhinterfragt gegeben als pittoreske Kulisse für Die zwei Gesichter des Januars. Und genauso verhält es sich mit dem ganzen Film. Er ist schön. Klassisch. Ein Melodrama der alten Schule, mit einer konventionell aristotelischen Dramaturgie, mit in warme Sepiatöne getunkten Bildern, die weniger Wärme als vielmehr bedrückende Ausweglosigkeit symbolisieren. Mit einer Ausleuchtung, die immer wieder dank tiefdunkler Schatten auf den Gesichtern der Schauspieler die Ambivalenz ihrer Persönlichkeiten hervorhebt. Bei seiner Inszenierung macht Regisseur Hossein Amini keine Fehler. Alles sieht gut aus, die anderthalb Stunden Laufzeit verstreichen ohne merkliche Längen oder Logiklöcher.

© Studiocanal

© Studiocanal

Und doch gibt es mit Die zwei Gesichter des Januars ein Problem. Den zugrundeliegenden Roman der Autorin Patricia Highsmith habe ich zwar nicht gelesen, jedoch konstruierte die Schriftstellerin als Vertreterin des whydunit mit ihren Krimis stets psychologisch interessante Werke, gerne um zwei voneinander abhängige Antagonisten und ihre fatale Relation zueinander. Dass es im Medium Film nicht unbedingt leicht fällt, solche feinen Konstellationen zu verbildlichen, ohne dabei auf platte Klischees zurückzugreifen, versteht sich von selbst. Hossein Amin versucht es löblicherweise – und leider bleibt sein Versuch etwas halbgar. Nur in wagen Andeutungen erfahren wir etwas über die Vergangenheit und Beweggründe der Figuren. Über Rydal zum Beispiel, der aus Groll die Beerdigung seines Vaters nicht besucht und keine Pläne hegt, in absehbarer Zeit in sein Heimatland, die USA, zurückzukehren. Der Anblick des optisch seinem Vater ähnelnden Chester bringt aber in Nullkommanichts die Kontaktaufnahme zwischen den beiden in Gang, die eigentlichen Motive bleiben trotzdem nebulös. So uninspiriert ausführliche Psychologisierungen in Filmen auch oft anmuten – hier hätte ein wenig mehr Futter dem Zuschauer wirklich gut getan.

Stattdessen sitzt er im Kinosessel und behält seine Distanz. Die Hauptfiguren sind kaum nachvollziehbare und nur mäßig sympathische Kriminelle, ihre Verfolger bleiben abgesehen von einigen uniformierten Polizisten weitgehend gesichtslos. Es gibt also keine wirklichen Identifikationsfiguren in dieser Geschichte, und so bleiben uns die durchaus tragischen Ereignisse auf der Leinwand relativ gleichgültig. Das wäre ja nicht weiter schlimm, schließlich trägt eine gesunde Distanz oftmals zu viel tiefgreifenderen Denkprozessen bei als Filme, die die emotionale Welle über den Köpfen ihrer Zuschauer zusammenschlagen lassen. Wenn nur, ja, wenn nicht Die zwei Gesichter des Januars in seiner Optik und Dramaturgie die Zeit der großen Melodramen Hollywoods heraufbeschwören würde, deren erklärtes Ziel es nun einmal war, den Zuschauer sich selbst als mitfühlendes Wesen erleben zu lassen. Genau dieses Erlebnis bleibt uns hier leider verwehrt. Der Film ist vorbei und es fällt uns leicht, den Saal umgehend zu verlassen, den Film abzuhaken, nett. Für ein Melodrama reicht das aber nicht; wenn es eines nicht aufkommen lassen sollte, um zu überzeugen, dann Gleichgültigkeit. Vielleicht erklärt das, wieso ich in Die zwei Gesichter des Januars saß und an die Weimarer Klassik dachte, an römische Gottheiten und einen Jahre zurückliegenden Urlaub auf Rhodos.

Kinostart: 29. Mai 2014

Pressespiegel auf film-zeit.de

Vier andere Verfilmungen der Romane von Patricia Highsmith: 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* 4+0=?

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.